Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Vom Übersetzen
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 228 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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228 Franz Rosenzweig: stil ist eine Erscheinung literarisch unmündiger Epochen, Wenn Einhard Karl den Großen mit Worten aus der Suetonschen Augustüsbiograpiiie schildert, so will er ihn im Kostüm des Augustus zeigen, ihn von Augustus her beleuchten, nicht umgekehrt. Wenn ein jüdischer Dichter Christenheit und Islam mit Edom und Ismael bezeichnet, so kommentiert er nicht die Gegenwart aus der Schrift, sondern die Schrift aus der Gegenwart. Nicht literarische Unreife, sondern viel eher literarische Überreife liegt hier zugrunde. Man ist nicht in Verlegenheit um einen eigenen Stil, sondern man hat seinen Stil so eigen, daß man gar nicht auf die Möglichkeit kommt, aus ihm in die Stillosigkeit herauszutreten. Ein solches Verhältnis zum geschriebenen Wort setzt natürlich voraus, daß dieses Wort nicht bloß formell, sondern auch inhaltlich klassisch ist, ja daß die Klassizität des Inhalts und der Form für untrennbar miteinander verflochten gelten. Einen entfernten Vergleich dafür bietet heute die Art, wie die europäischen Völker zitieren. Wer einmal Engländer Shakespeare zitieren gehört hat, der weiß, wie sehr sie ihn auf „schöne Stellen" hin anführen. Shakespeare im Munde eines Engländers zitiert, gibt durchaus eine „musivische" Wirkung. Man zitiert ihn nämlich, ohne sich ernstlich mit ihm identisch zu fühlen. Die Weltansicht des modernen Engländers stammt aus dem Jahrhundert Cromwells, nicht aus dem Jahrhundert Shakespeares. Wenn hingegen der gebildete Deutsche Goethe oder Schiller zitiert, so zitiert er mit ihnen zugleich Kant, Fichte, Hegel, — mit andern Worten: er glaubt dem Geist, den er zitiert; er zitiert ihn nicht bloß zur gesellschaftlichen Unterhaltung. Soweit man von einer Überlegenheit der Deutschen über die westlichen Völker reden kann, ist sie in diesem historischen Glücksfall der Verbindung zwischen den letzten Höhepunkten seiner formellen und seiner inhaltlichen Kultur begründet; von den älteren Völkern hat höchstens der Italiener mit seinem Dante, von den jüngeren vielleicht der Russe mit Dostojewski einen ähnlich gesicherten Boden unter den Füßen, der ihm erlaubt, für das Höchste, was er zu sagen hat, das schönste Wort zu gebrauchen. Diese glückliche Einheit nun von Sprechen und Denken besitzt in stärkstem Maße und in ja allerdings teuer erkaufter Ausschließlichkeit der mittelalterliche Jude. Nicht bloß die höchsten Gedanken finden bei ihm die geprägte Form, sondern jeder Gedanke, der überhaupt sich als Gedanke legitimieren will, sucht diese Form. Das Zitat ist hier ganz und gar nicht ein schmückendes Anhängsel, sondern es ist der Zettel für den Einschlag der Rede. Daraus aber ergibt sich wieder eine Aufgabe für den Übersetzer. Er darf nicht den Anspielungsgehalt der Sprache unterdrücken. Diese Aufgabe hat nicht bloß für unlösbar gegolten, sondern bis zu einem gewissen Grade ist sie es wirklich. Denn es wäre natürlich keine Lösung, wollte man etwa in Anmerkungen dem Leser die erforderliche Bibelkenntnis nachträglich beibringen. Für den hebräischen Leser ist die Verbindung mit dem Schriftwort auch keine nachträgliche Sache, sondern eine die Lektüre begleitende Folge von momentanen Stromschlüssen, die eben in ihrer nicht aussetzenden Folge das Fluoreszieren des Gelesenen bewirken. Mit diesem