Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Vom Übersetzen
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 230 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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230 Franz Rosenzweig : Vom Übersetzen von seinen Kehlen natürlich, nicht etwa nur im Geiste, aufgenommen ist, da ist die „Zeit" da. Also zum Beispiel in der bösen Jetztzeit in jedem Heer und in jeder protestantischen Kirchengemeinde, und im schönen Mittelalter für Walter von der Vogelweide zum Beispiel nicht. Jehuda Halevis und seiner Genossen Dichtungen also sind, großenteils wenigstens, solche Zweckkunst; und selbst soweit sie es nicht sind, werden sie sprachlich und formal (sogar auch die ausgesprochen weltlichen) von den Gesetzen jener Kunstform bestimmt. Der Gebrauchszweck aber ist in diesem Fall Vortrag durch den Vorsänger und Mitgesang der Gemeinde an bestimmten Punkten des synagogalen Jahres. Der Fluß der all- und altbekannten Worte soll von ihnen unterbrochen sich zu Seen stauen, die dem Blick ungewohnte Uferlandschaften zeigen. Im Wiederkehrenden sind sie das Wechselnde, aber weil in ihrem Wechsel doch an Wiederkehrendes gebunden, darum mit Notwendigkeit zu einer gewissen Gleichartigkeit gedrängt. Das fällt nicht auf, solange sie in ihrem natürlichen Gebrauchszusammenhang stehen; die verschiedenen Gedichte waren ja dann durch ein volles, wirklich ein volles, von Ereignissen des synagogalen Lebens volles Jahr getrennt. Wiederholungen werden da nicht als solche empfunden, oder sofern sie empfunden werden, ist es ganz in der Ordnung. Denn eben diese Wiederkehr im Jahr ist ja das Wesen des Fests. Wie letzthin überhaupt die Wiederholung die große und einzige Form ist, die der Mensch zum Aussprechen seines ganz Wahren hat. Man kann sich etwa in diesen Gedichten an den immer erneuten Worten der Demut und Hingabe, der Not und Erlösungszuversicht, der Weltscheu und Gottessehnsucht, der Sündenreue und des Gnadenvertrauens stoßen, — man kanns, aber man schafft damit die Tatsache nicht aus der Welt, daß eben das Herz des Dichters und die Herzen derer, für die er gedichtet hat, von diesen Empfindungen voll sind und für sie nach Ausdruck verlangen. Die Lüge hat viele Möglichkeiten, die Wahrheit nur wenige, im Grunde immer nur eine. Daß sie nicht müde wird, dies immer Eine immer wieder neu zu sagen, darin bezeugt sich ihre währende Kraft. Im Munde des Liebenden wird das Wort der Liebe nicht alt, das aus dem Munde, der die Liebe heuchelt, schon welkt, wenn es das erste Mal gesprochen wird.