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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 4 · p. 227

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 4
Article
Vom Übersetzen
Date
1923-01-01
Page
227 (sequence 6)
Language
German
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I Vom Übersetzen 227 Strophen zersplittert? Dennoch ist das mit der einzigen Ausnahme Heller fast stets geschehen. Von der Prosabetonung führte nun freilich die so entstandene s Metrik weit ab, und zwar sowohl von der sephardischen der Endungen wie von der aschkenasischen des Stammes. Und hier liegt nun die Wurzel der Schwierigkeit auch für den Übersetzer. Denn im Deutschen ist seit dem siebzehnten Jahrhundert das Prinzip aufgebracht und durch die klassische Dichtung von 1800 unerschütterlich festgerammt, daß die Prosabetonung der Worte im Vers gewahrt bleiben müsse, ein Prinzip, das erst in den jüngsten Jahrzehnten durch die Georgesche Schule mit ihrer Forderung des gleichschwebenden Tons eine gewisse Modifikation zu erfahren beginnt. Die Herrschaft nun dieses Prinzips ist so absolut, daß es dem Heutigen schwer fällt, auch nur die Möglichkeit andrer Prinzipien für die Vergangenheit recht zu begreifen. Daß die griechisch-römische Antike ein durchaus anderes Prinzip hatte, wird mehr als Tatsache hingenommen als ästhetisch nachgefühlt. Dabei ist die Sache gar nicht so schwer zu erfassen. Der Moderne braucht nur an die musikalische Deklamation zu denken, in der ja auch er eine worttonfremde Betonung sich gefallen läßt. Der Reiz liegt hier — und lag offenbar auch beim homerischen Hexameter — in der stets wechselnden Spannung zwischen Prosaton und Verston, die sich wechselseitig fliehen und wiederfinden. Jeder homerische Hexameter hat so sein ihm ganz individuell eigenes Metrum, — ein Reichtum, von dem die Schulmetrik sich nichts träumen läßt und den, nebenbei gesagt, in der modernen Vokalmusik die Wagnersche Betonungsregel mit ihrer einseitigen Herrschaft des Rezitativstils verschleudert. Ein dritter Punkt, der zu beachten ist, fällt nicht wie Reim und Metrum ins Formale, sondern ist inhaltlicher Natur. Es ist das, was man mit dem Schlagwort „Musivstil" bezeichnet und was man für ebenso unnachbildbar hält wie Reim und Metrum. Worum handelt es sich? Alle jüdische Dichtung im Exil verschmäht es, dieses ihr Im-Exil-Sein zu ignorieren. Das würde geschehen, wenn sie jemals wie andere Dichtung die Welt unmittelbar aufnähme. Denn die Welt, die sie umgibt, ist Exil und soll es ihr bleiben. Und in dem Augenblick, wo sie diese Haltung aufgäbe, wo sie sich dem Einstrom dieser Welt öffnete, würde ihr diese Welt heimisch, hörte auf, Exil zu sein. Diese Exilierung der Umwelt aber wird geleistet durch die ständige Gegenwärtigkeit des Schriftworts. Mit ihm schiebt sich eine andere Gegenwart vor die umgebende und setzt diese zum Schein, genauer, zum Gleichnis herab. Also nicht etwa das Schriftwort wird gleichnisweise zur Illustration des gegenwärtigen Lebens herangezogen, sondern gerade umgekehrt dienen die Ereignisse zur Erläuterung des Schriftworts, werden zum Gleichnis für dieses. Das Verhältnis ist also genau das entgegengesetzte, wie wir es uns bei dem Wort Musivstil vorstellen. Musiv- 15*

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