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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 4 · p. 226

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 4
Article
Vom Übersetzen
Date
1923-01-01
Page
226 (sequence 5)
Language
German
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22$ Franz Ro s e nzweig: berühren, etwa eine Shakespeare-Übersetzung nur das Theater, greift eine Bibelübersetzung in alle Sphären des Lebens ein; eine „religiöse Sphäre" gibt es nicht. Der Heliand war Folge und Symptom dafür, daß das deutsche Volk no.ch nicht weltgeschichtsreif war; keine seiner Leistungen in den Jahrhunderten des Mittelalters ist von der Welt rezipiert worden, während es selbst auf allen Gebieten im höchsten Maß rezipiert hat. Die Reformation ist das erste deutsche Ereignis, das in die Welt hinausgewirkt hat und nicht wieder aus ihr geschwunden ist. Seitdem ist das deutsche Schicksal in das Weltschicksal verwoben. Luthers Übersetzungstat bezeichnet diesen Punkt. Das sogenannte „religiöse Genie" ist als solches allein niemals eine weltgeschichtliche Persönlichkeit — Meister Ekhard war keine —, es gehört noch eine andere, eine weltliche Seite dazu* Luthers andere Seite war der Übersetzer. Diese seine „Weltlichkeit" vollendete ihn zur weltgeschichtlichen Person. Von den Übersetzern Jehuda Halevis hat kein einziger bisher dem Metrum gegenüber diese Pflicht grundsätzlich anerkannt, und auch dem Reim gegenüber nur der einzige Heller, der auch sonst all seine Vorgänger und Nachfolger um Haupteslänge überragt und der deshalb von der communis opinio natürlich als „ungenießbar" bezeichnet wird (Heller, Die echten hebräischen Melodien, Frankfurt a. M., 3. Aufl. 1908). Die Scheu vor Nachahmung der Reimform hat den einfachen Grund, den bei näherem Zusehn überraschend viele menschlichen Dinge haben, nämlich — Faulheit, ganz einfach Faulheit, Faulheit sans phrase. Denn möglich ist die Nachbildung auch der kompliziertesten Reimformen im Deutschen durchaus, wie Rückert beweist. Im schlimmsten Falle verwende man doch ruhig das Reimlexikon; man braucht es ja, wenn man durchaus als Nachdichter figurieren will, niemandem zu verraten; ich, der ich nur Übersetzer bin, gestehe hiermit gern ein, daß ich dem Reimlexikon des Herrn Steputat manche Erleichterung verdanke, wenn ihm auch die schönsten Reime meistens nicht eingefallen sind. Wie wichtig aber die Nachbildung der Reimform ist, das geht schon daraus hervor, daß in den in Frage kommenden Dichtungen der Reim nicht bloß wie in den modernen Formen der Mörtel ist, der Stein an Stein leimt, sondern fast durchweg, mindestens auch, das Baumaterial selber, dessen einheitlicher Ton den Gesamteindruck der Fassade bestimmt. Man denke sich einmal einen Baumeister, der — in einer Zeit, wo solche Aufträge gegeben wurden — den Palazzo Pitti in jedem Stockwerk aus andersfarbigem Haustein nachgebaut hätte. So ungefähr muten einen vom Original her all die Nachbildungen an, die den entweder streng einheitlichen Reim oder, in den Strophengedichten, die Reimeinheit der Strophenschlüsse rücksichtslos zerreißen. Was bleibt denn von der Schönheit dieser „Gürtelgedichte", bei denen die Reime der Einzelstrophen durch den kostbaren Verschluß des Rundreimsystems zusammengeschlossen werden, noch übrig, wenn man sie in deutsche Lied-

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