Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Vom Übersetzen
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 225 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Vom Übersetzen 225 keit darf nicht so verstanden werden, als ob er dagegen eine blinde Willkür angeraten hätte. Denn nicht wahllose Wörtlichkeit führt ja zu dem Ziel, das hier gemeint ist und das Luther erreicht hat. Nicht das Lexikon darf die oberste Instanz für den Übersetzer sein. Die Sprache besteht nicht aus Wörtern, sondern aus Worten. Wörter übersetzt der Schüler und der Schulmeister. Wörter stehen im Lexikon. Worte stehen nur im Satz. „Stehen" ist da eigentlich schon ein falsches Bild, das dem wellenhaften Fließen der Worte durch das Satzbett nicht gerecht wird. Die Konturen, mit denen das Wort sich in den Satz einfügt und die im Lexikon, das seiner Aufgabe nach verpflichtet ist, von den Konturen zum Schwerpunkt oder zu den Schwerpunkten des Worts vorzudringen, nicht gefunden werden können, diese Konturen und gerade sie sind es, die übersetzt werden wollen und müssen, wie ja das eben gegebene Beispiel der ko- und subordinierenden Satzkonstruktionen ein solches Konturenbeispiel, nur eben für den Satz, nicht für das Wort, ist. Wie weit dies Aufsuchen der Konturen in die Elemente des sprachlichen Gebildes vordringen kann, ob nur bis zu den Sätzen oder bis zu den Worten oder selbst bis zu den unterm Wort aufgräbbaren Wortwurzeln, das kann nur von Fall zu Fall bestimmt werden. Immer aber handelt es sich um Konturen; und wenn Luther in seinem berühmten Beispiel es ablehnt, das Wort des englischen Grußes mit: „Du voller Gnaden" zu übersetzen, so hat er die Kontur des Worts mit seiner Übersetzung „holdselig" getroffen, ohne deswegen auf die im griechischen Wort enthaltene Wurzel zu verzichten, die ja grade „hold" viel besser wiedergibt, als es die Schullexikonsübersetzung „Gnade" tun würde. Daß er aber auf sein im Überschwall der Polemik auftrumpfendes „Du liebe Maria" in der Übersetzung selber doch lieber verzichtet hat, das ist nicht, wie die Esel von heute es gerne haben möchten, eine Feigheit vor seinen eigenen Konsequenzen, sondern ein Beweis für die echte Besonnenheit seines Übersetzens. Mit „Du liebe Maria" hätte er die Szene zum deutschen Volkslied gemacht und damit grade die Spannung zerstört, durch die sie, fähig war, Boden für das Volkslied zu werden. Nur die respektierte Distanz macht das Überspringen des Grabens möglich; wer ihn zu Anfang ausfüllt, lähmt die Sprungkräfte der andern. Und Luther mußte übersetzen, weil das deutsche Volk jetzt diesen Zustrom fremden Sprachgeists brauchte. Die Bibel ist unter allen Büchern das, dessen Bestimmung es ist, übersetzt zu werden, und daher auch das frühst und meist übersetzte. Was der Sinn alles Übersetzens ist, das Kommen „jenes Tags", das ist für die Bibel mit ihrem in aller Literatur einzigartigen Miteinander von Erzählung, Forderung, Verheißung geradezu der Reif, der diese Elemente zusammenhält. So ist das Eintreten eines Volks in die Weltgeschichte bezeichnet durch den Augenblick, wo es sich die Bibel übersetzend aneignet. Dieser Eintritt fordert stets auch ein Opfer an völkischer Abgeschlossenheit, ein Opfer, das sich spiegelt in der mit einer Bibelübersetzung notwendig verbundenen Umschmelzung der nationalen Sprache. Denn während andere Übersetzungen immer nur einen Teil des Lebens Heft 4. 15