Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Vom Übersetzen
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 224 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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224 Franz Rosenzweig: Leistung des Übersetzers. Es ist gar nicht möglich, daß eine Sprache, in die Shakespeare oder Jesaja oder Dante wirklich hineingesprochen hat, davon unberührt geblieben wäre. Sie wird eine Erneuerung erfahren, genau wie wenn ein neuer Sprecher in ihr selbst aufgestanden wäre. Ja mehr noch. Denn der fremde Dichter ruft in die neue Sprache ja nicht bloß das, was er selber zu sagen hat, hinein, sondern er bringt die Erbschaft des allgemeinen Sprachgeists seiner Sprache mit zu der neuen, so daß hier nicht bloß eine Erneuerung der Sprache durch den fremden Menschen, sondern durch den fremden Sprachgeist selber geschieht. Daß eine solche Erneuerung einer Sprache durch eine fremde überhaupt möglich ist, das setzt freilich voraus, daß, wie die Sprache jeden ihrer Sprecher schon selbst geboren hat, so auch alles menschliche Sprechen, alle fremden Sprachen, die je gesprochen sind und je gesprochen werden, wenigstens keimhaft in ihr enthalten sind. s Und das ist der Fall. Es gibt nur Eine Sprache. Es gibt keine Spracheigentümlichkeit der einen, die sich nicht, und sei es in Mundarten, Kinderstuben, Standeseigenheiten, in jeder andern mindestens keimhaft nachweisen ließe. Auf dieser wesenhaften Einheit aller Sprache und dem darauf beruhenden Gebot der allmenschlichen Verständigung ist die Möglichkeit wie die Aufgabe des Übersetzers, ihr Kann, Darf und Soll, begründet. Man kann übersetzen, weil in jeder Sprache jede andre der Möglichkeit nach enthalten ist; man darf übersetzen, wenn man diese Möglichkeit durch Urbarmachung solchen sprachlichen Brachlands verwirk* liehen kann; und man soll übersetzen, damit der Tag jener Eintracht der Sprachen, die nur in jeder einzelnen, nicht in dem leeren Raum „zwischen" ihnen erwachsen kann, komme. Ein Beispiel mag das erläutern. Luther konnte die Bibel übersetzen, weil es im Deutschen möglich ist, Eigentümlichkeiten des Hebräischen wie auch den Hebraismus des neutestamentlichen Griechisch wiederzugeben, etwa die neben-, nicht unterordnende Zusammenfügung der Sätze. Wenn er hier in die Sprache seiner eignen Druckschriften hätte übersetzen wollen, die ja durchaus den humanistisch geschulten Sprachbeherrscher verraten, so wäre ein Kautzsch-Weizsäcker oder etwas noch Schlimmeres herausgekommen, aber nicht die Lutherbibel. Er aber hatte den Mut, die schon damals für das gebildete deutsche Sprachbewußtsein kyklopische Satzbauart des Hebräischen ins Deutsche einzuführen, und hat auf diese Weise ein das damalige Sprachbewußtsein überdauerndes Werk geschaffen —, zu dem Bereich des damaligen Deutsch die neue Provinz des Bibeldeutsch hinzuerobert, die nun ihre eigne Geschichte innerhalb der deutschen Sprachgeschichte haben konnte und daher nicht ohne weiteres von der Fortentwicklung des Gesamtkörpers der Sprache widerstandslos mitgespült wurde, sondern in diese Entwicklung mithandelnd eingriff und dadurch in ihrer Eigenart selber erhalten blieb. Und, Luther durfte übersetzen, weil er zu diesem sprachlichen Eroberungszug sowohl den nötigen Mut wie die nötige Umsicht besaß. Sein vielberufener Kampf gegen die übersetzenden „Esel" und ihre schulmäßige Wörtlich-