Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Vom Übersetzen
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 223 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101206-3109090--6926-3109142- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Vom Übersetzen 223 hat, so wie die eigentümliche Lebensferne einer ägyptischen Skulptur nur daher kommt, daß der Künstler es noch nicht recht gekonnt hat1). Nichts leichter und nichts dankbarer als hier korrigierend einzugreifen und ein bischen zu ergänzen. Daß Dinge, die uns fremdartig sind, es unter Umständen aus Stilgründen sein können, will dem Nachdichter nicht in den Kopf, wie ihm überhaupt der Begriff des Stils unsympathisch ist. Sein Ehrgeiz ist, den Monumenten der Vergangenheit und der Fremde das „Gewand unsrer Zeit" anzuziehn. Ob der Apoll von Belvedere aber wirklich durch Cutaway und Stehkragen wesentlich gewinnen würde? Die Aufgabe des Übersetzens ist eben ganz mißverstanden, wenn sie in der Eindeutschung des Fremden gesehen wird. Eine Eindeutschung in diesem Sinne verlange ich, wenn ich als Kaufmann eine Bestellung aus der Türkei erhalte und sie auf das Übersetzungsbüro schicke. Schon bei einem Freundesbrief eines Türken würde mir aber die Büroübersetzung nicht mehr ausreichen. Weshalb? Weil sie etwa nicht genau genug wäre? Sie wird ebenso genau ausfallen wie die des Geschäftsbriefs. Also das ist es nicht. Deutsch genug wird sie werden. Aber nicht — türkisch genug. Ich werde den Menschen, seinen Ton, seine Meinung, seinen Herzschlag nicht hören. Aber ist das denn möglich? Wird der Sprache nicht mit dieser Aufgabe, den fremden Ton in seiner Fremdheit wiederzugeben, also nicht das Fremde einzudeutschen, sondern das Deutsche umzufremden, etwas Unmögliches abverlangt? Nicht Unmögliches, sondern das Notwendige, und das nicht bloß beim Übersetzen Notwendige. Die schöpferische Leistung des Übersetzens kann nirgends anders liegen als da, wo die schöpferische Leistung des Sprechens selber liegt. Die Eindeutschung des Fremden, also, um den legitimen Fall zu nennen, die Büro Übersetzung des Geschäftsbriefs, geschieht in das Deutsch, das schon da ist. Darauf beruht ihre Verständlichkeit, und darauf beruht die „Beliebtheit", die nur der Neid den obenerwähnten Übersetzungen von Müller, Schulze, Cohn, Wilamowitz abstreiten könnte. Sie übersetzen, wie ein Mensch redet, der — nichts zu sagen hat. Da er nichts zu sagen hat, braucht er auch der Sprache nichts abzuverlangen, und die Sprache, der ihr Sprecher nichts abverlangt, erstarrt zum Mittel der Verständigung, dem jedes Esperanto die Existenzberechtigung nehmen kann. Wer etwas zu sagen hat, wird es neu sagen. Er wird zum Sprachschöpfer. Die Sprache hat, nachdem er gesprochen hat, ein anderes Gesicht als zuvor. Der Übersetzer macht sich zum Sprachrohr der fremden Stimme, die er über den Abgrund des Raums oder der Zeit vernehmlich macht. Wenn die fremde Stimme etwas zu sagen hat, dann muß die Sprache nachher anders aussehen als vorher. Dieser Erfolg ist das Kriterium für die pflichtgemäß ausgeführte *) Die Gerechtigkeit gebietet es, nicht zu verschweigen, daß die bedeutendste Autorität auf dem Gebiet der antiken Geschichte, Eduard Meyer, für den Zug von Schwermut, der über den Pharaonengesichtern aus den Jahrhunderten des mittleren Reichs liegt, eine andre Erklärung herausgefunden hat: schwere Regierungssorgen. So zu lesen in seiner „Geschichte des Altertums".