Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Vom Übersetzen
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 222 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101206-3109090--6925-3109141- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
222 Franz Rosenzweig: FRANZ ROSENZWEIG / VOM ÜBERSETZEN Aus dem Nachwort zu Jehuda Halevi x) O lieber Leser, lerne Griechisch und wirf meine Übersetzung ins Feuer. Friedrich Leopold v. Stollberg, Iliasübersetzung. Anmerkung zu VI, 484. EHUDA HALEVI war ein großer jüdischer Dichter in hebräischer J Sprache. Die vorstehende kleine Auswahl sucht dem deutschen Leser davon einen Begriff zu geben. Also war es nicht mein Ziel, dem Leser den Glauben beizubringen, Jehuda Halevi habe in deutscher Sprache gedichtet, noch auch, er habe christliche Kirchenlieder verfaßt, noch, er sei ein Dichter von heute, wenn auch nur ein Familienblattdichter von heute — all das, soviel ich sehe, die Ziele meiner Übersetzungsvorgänger, insbesondere des neuesten. Sondern diese Übersetzungen wollen nichts sein als Übersetzungen. Sie wollen den Leser keinen Augenblick vergessen machen, daß er nicht Gedichte von mir, sondern von Jehuda Halevi liest, und daß Jehuda Halevi kein deutscher Dichter und kein Zeitgenosse ist. Mit einem Wort: diese Übersetzung ist keine Nachdichtung, und wenn sie es hier und da doch ist, so nur aus Reimnot. Grundsätzlich war meine Absicht, wörtlich zu übersetzen und bei etwa fünf Sechsteln der vorliegenden Verszeilen mag es mir gelungen sein. Für das sechste Sechstel, wo auch ich, wenn auch nur in vorsichtigstem Umfang, zum „Nachdichten" greifen mußte, bitte ich den Leser hier in aller Form um Verzeihung. Der Begriff des Nachdichtens ist heute als Wertmaßstab für Übersetzungen so allgemein angenommen, daß er einmal eine nähere Beleuchtung erfordert. Wenn ein großer deutscher Dichter einen fremden nachdichten zu wollen erklärt, so werde ich mich einer leisen Verwunderung nicht erwehren können, daß er nicht lieber selber etwas dichtet. Immerhin, ein Goethescher Reinecke Fuchs nach dem mittelniederdeutschen Reinecke Vos wird mich als ein Goethesches Werk zu Respekt nötigen, wenn ich auch den Verdacht dabei nicht ganz unterdrücken kann, es werde ihm also damals selber nicht viel eingefallen sein, — was mir ja dann die Goethephilologen bestätigen werden. Poesie ist nun einmal nicht ganz so verständlich wie Prosa. Offenbar liegt das daran, daß der Dichter sich nicht recht auszudrücken verstanden *) In nächster Zeit erscheint ein neues Buch von Franz Rosenzweig: „Sechzig Hymnen und Gedichte des Jehuda Halevi. Deutsch. Mit einem Nachwort und mit Anmerkungen". Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Oskar Wöhrle, Konstanz, können wir schon heute einige Bruchstücke aus dem „Nachwort" des höchst bedeutsamen Werkes zum Vorabdruck bringen. D. Red.