Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Sigmund Freud - ein jüdischer Forscher
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 220 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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220 Arnold Kutzinski: Wirklichkeit! Man sucht sie vergeblich bei französischen Forschern, deren Schilderungen glänzender, bei deutschen Gelehrten, deren Durchdringung des Materials kritischer sein mag. Jenem Wirklichkeitsgefühl nahe verwandt ist auch die Fähigkeit zur Einfühlung. Daß sie eine hervorstehende Eigenschaft des Juden ist, lehrt die Fülle der reproduktiven jüdischen Künstler in der Musik und Schauspielkunst. Einfühlung und schnelle Anpassung an fremde Individualitäten, beides verbunden mit lebendiger Kombination, hat dazu geführt, daß die Deutungskunst Freuds neben viel Abstrusem oft wunderbare Aufhellungen ergab. Einfühlung und Wirklichkeitssinn haben ihn aber auch dazu geführt, vom Schema der Verallgemeinerung abzuweichen und im Einzelnen den Geheimnissen einer echteren Wirklichkeit nachzuforschen. Eine Gegenüberstellung von Freud und dem deutschen Forscher Wernicke, der ihm in vielfacher Beziehung Meister war, veranschaulicht deutlich den Gegensatz. Wernicke, der tiefe, feinsinnige Analytiker kommt zu einem Schema, zu einem geschlossenen System. Nirgends überwuchert die Phantasie das Ganze, und doch bleibt er von dem wirklichen Geschehen weit entfernt. Er ist nüchtern und skeptisch zugleich, und so versucht er nicht, jene Wirklichkeit, die hinter den Dingen liegt, zu erfühlen. Freud ahnt, daß die wesentlichen Dinge sich hinter der Oberfläche unseres Lebens abspielen: wir tragen alle eine Maske, wir formen unser Verhalten gegen die Umwelt, um uns voreinander zu verhüllen. Freud versucht, den Schleier zu lüften. Konstruktion und Wirklichkeitsgestaltung sind die Pole im jüdischen Sein; sie spiegeln sich auch in Freuds Lehren wieder, mit all ihren Vorzügen und Schwächen. Der Wirklichkeitssinn Freuds hat ihn auch zu jener Betonung der Sexualität geführt, die bei seinen ersten Publikationen so viel sittliche Entrüstung erregte. Daß die Sexualität in allen ihren Variationen* in unserm Denken und Handeln mitschwingt, war keine erstmalige Entdeckung Freuds. Aber die Verflechtung mit unseren Träumen, mit unseren Fehlhandlungen im Sprechen und Schreiben, ihr geheimnisvolles Wirken in der Kindheit und bei den Nervösen hat er erstmalig in feiner Witterung für das wahrhaft Reale offenbart. Es bleibt dabei einerlei, wie weit er damit zu schlechthin Abschließendem gelangt ist. Aus dieser Bindung von Konstruktion und instinktivem Wirklichkeitsgefühl sind auch einige der seelischen Mechanismen, die Freud für die Bildung von Träumen, nervösen Symptomen u. a. verantwortlich macht, herausgewachsen. Es mag zur Veranschaulichung genügen, den Mechanismus der Verdrängung unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten. Sexuelle Kindheitswünsche, die sich nicht verwirklichen konnten, werden aus dem Bewußtsein verdrängt und tauchen im Traum wieder auf. Der Traum benutzt dabei mannigfache Symbolisierungen. Er verdichtet das vorüberfließende Vorstellungsmaterial immer nur zu dem Zweck, die verdrängten Wünsche zu erfüllen. Der Traum ist die maskierte Erfüllung dieser Wünsche. Auch hier wieder die Zuspitzung einer bedeutsamen Erfahrung