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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 4 · p. 221

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 4
Article
Sigmund Freud - ein jüdischer Forscher
Date
1923-01-01
Page
221 (sequence 6)
Language
German
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Sigmund Freud — ein jüdischer-Forscher 221 zu einem allgemein gültigen planvollen Gesetz, auch hier wieder der Drang zur Vereinheitlichung ohne zu schematisieren, aber niemals geht die An-* lehnung an die lebendige Wirklichkeit völlig verloren. Auch die genetische Behandlung der Freudschen Lehre führt zu der Annahme einer jüdischen Besonderheit. Anfänglich glaubte ich, daß der Pansexualismus Freuds in dem Wiener Milieu seine Wurzeln habe; dieses mag auch wirklich mit von Bedeutung sein. Aber wir dringen tiefer, wenn wir in dem sexuellen Moment den Ausdruck des orientalischen Temperamentes erblicken. Die üppige Phantasie des Orients wurde von Freud objektiviert. Es ist sein eigenes Temperament, seine eigene sexozentrische Einstellung, die in seiner Lehre gestaltet wurde. Der Mensch wird dadurch schöpferisch, daß er sich selbst, sein Ich, sein Erleben, nach außen projiziert. Man kann das Wort Nietzsches, „die Menschen schaffen Gott nach ihrem Ebenbilde", dahin variieren, daß man sagt, die Menschen schaffen die Welt nach ihrem Ebenbilde. So kommt Freud zu dem überwuchernden Sexualismus. Auf die gleiche Weise wird uns auch die Entstehung seines Verdrängungsbegriffes verständlich. Die Urkräfte seines jüdischen Seins werden in der Form der Verdrängung kristallisiert. Als Jude, und er hat sich selbst zu ~ seinem Volkstum bekannt, hat er in sich oft genug mehr oder minder deutlich erlebt, wie oft er Gefühle, Wünsche, Hoffnungen zurückdrängen und überwinden mußte. Es erscheint nicht gezwungen, auch die anderen von ihm geschaffenen oder als bedeutsam gewerteten Mechanismen, wie z. B. die Übertragung eines starken Gefühlszustandes auf Gleichgültiges, die Symbolisierung geheimer, letzter Wünsche — als Äußerungen seiner jüdischen Seele aufzufassen. Mehr als andere fürchtet der Jude die grausame Helligkeit des Tages, er flieht vor der Wirklichkeit und doch verliert er niemals den Zusammenhang mit ihr. Das Spiel dieser Kräfte reflektiert die Freudsche Lehre. Ich breche ab, um.die Deutungskunst nicht zu überspannen. Es handelt sich nur um einen Versuch, der zeigen soll, wie man möglicherweise durch Anwendung von intuitiv Geschautem bei nüchterner, vorsichtiger Betrachtung zur Differenzierung einer jüdischen Einzelpersönlichkeit gelangen kann. Der Versuch mußte nur andeutende Skizze bleiben, roh, unfertig, weil vieles eben noch nicht faßbar ist, weil die Hypothese noch nicht entbehrt werden kann und weil die Zusammenhänge und Abhängigkeiten von der Umwelt außer Betracht geblieben sind. Das aber ist gewiß: durch erschöpfende Analysen jüdischer Persönlichkeiten, die aus dem Urquell ihres Jüdischseins schaffen, wird mehr Klarheit über die Struktur der jüdischen Psyche gewonnen werden, als Statistik und oberflächliche Vergleiche sie gewähren können. Freud stellt nur einen besonderen jüdischen Schaffenstyp dar, denn auch Landauer, Simmel, Buber scheinen jüdische Urkräfte in ihr Werk projiziert zu haben.

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