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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 4 · p. 219

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 4
Article
Sigmund Freud - ein jüdischer Forscher
Date
1923-01-01
Page
219 (sequence 4)
Language
German
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Sigmund Freud — ein jüdischer Forscher 219 trieb er Tiefenpsychologie. Das individuell Bedeutsame kann sich im hellen Bewußtseinszustande oft nicht entfalten. Wir müssen oft das, was wir hoffen, als aussichtslos zurückstellen, wir schlucken Kränkungen herunter, weil wir nicht so, wie wir möchten, abreagieren können. Wir verbergen unsere Furcht, um uns nicht bloßzustellen. Nun wird das individuell bedeutsame Erlebnis verdrängt und ragt aus dem Unbewußten ins Wachbewußtsein hinein. Das lehren uns unsere Träume und die krankhaften Symptome der Nervösen. Wir träumen, was wir wünschen. Der Wunsch ruht verborgen in der Tiefe unserer Seele. Das ins Bewußtsein Dringende ist nur eine entfernte psychische Wirkung des unbewußten Vorganges. Wir überschätzen die Bewußtseinseigenschaft. Das Unbewußte ist das eigentlich real Psychische. So wird das Unbewußte in unerbittlicher Konsequenz zu dem allein wahrhaft Bedeutsamen, vor dem alles andere versinkt. Buber spricht vom Juden als dem, der den elementaren Einheitstrieb und die immanente Forderung in sich bewahrt hat. Diese treibenden Urkräfte, dieser Trieb zur Vereinheitlichung, -so dünkt uns,,haben Freud zu seiner unbedingten Anschauung von der überragenden Bedeutung des Unbewußten geführt. Hier kommt es nicht darauf an, welche Inhalte dieser Einheitstrieb formt, das Unbewußte an sich ist hier belanglos. Es spiegelt sich in dieser Methodik etwas von der unbedingten Forderung des Alten Testamentes wieder. Und nun zum individuellen Erlebnis, zu den verdrängten Wünschen. Es genügt für unsere Zwecke darauf hinzuweisen, daß diese Wünsche nach Freud in sexuellen Kindheitseindrücken ihre Wurzel haben sollen. Die Sexualität oder die Libido, die verfeinerte Form der Sexualität, beherrscht, aus den dunklen Tiefen des Ichs emporwallend, all unser Tun und Denken. Auch hier wieder jener maßlose Drang zur Vereinheitlichung, zur Schaffung des unumstößlich geltenden Gesetzes. Man kann diesen Freudschen Gestaltungswillen mit der systematisierenden oder gar schematisierenden Richtung anderer Forscher nicht vergleichen. Denn diese beschränken sich auf die Zusammenfassung des unmittelbar Gegebenen, auf dessen Analyse und vielleicht auch Erklärung. Freud ist verwegener, er bleibt nicht auf halbem Wege stehen, ihn schreckt nicht die Unzulänglichkeit der schlichten Erfahrung. So kommt er zur Deutung der Tatsachen. Deutungskunst — wie tief ist sie im Wesen jüdischen Volkstums verwurzelt. Man denke an die Traumdeuter der orientalischen Völker, an die Deutkunst des Bibelwortes, die sich oft bis zur Rabulistik versteigt. Hier entfalten nun alt ererbte und geübte Mächte ihr buntes Spiel. Eine fast orientalisch gefärbte üppige Phantasie schafft überraschende, treffende, oft auch abrupte Beziehungen. Kombinationsreichtum paart sich dabei mit hellem Wirklichkeitssinn. Bald ist der Jude „Luftmensch", bald nüchterner Rechner, mit schärfstem Instinkt für die Forderung der Wirklichkeit begabt. Die Auswirkungen dieser beiden gegensätzlichen Mächte bilden den Niederschlag der Freudschen Deutungsanalyse. Welch seltsame Mischung von Phantasie und

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