Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Sigmund Freud - ein jüdischer Forscher
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 218 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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218 Arnold Kutzinski : Intuition, künstlerische Formung, der andere mehr bohrenden Intellekt, mehr kritische Selbstbesinnung. Die schöpferischen Einfälle, die der Forschung neue Ziele gaben, kommen von den Franzosen; die Deutschen zeigen mehr Sorgfalt, Konsequenz, Vertiefung. So kritisch der Deutsche ist, so phantasiereich der Franzose. Hier mehr gedankenreiche Einfälle, — dort mehr systematische, teilweise aber auch schematische Zusammenfassung. Diese kurze Skizzierung der Wissenschaft und Forschungsweise auf einem mir vertrauten Gebiet zeigt schon, wie vielgestaltig, wie schillernd die Aufgabe ist, Volkspsychologisches festzuhalten. Trotz all dieser Bedenken wollen wir versuchen, die Persönlichkeit Freuds, den selbst der Judenhasser Blüher als den Kopernikus der Psychopathologie bezeichnet hat, unter dem Gesichtspunkt des jüdischen Forschers zu betrachten. Freud wird von der Welle der Mode emporgetragen, er steht im Mittelpunkt der literarischen Diskussion. Seine Anschauungen üben in Amerika, Frankreich und im sonstigen Ausland außerordentlichen Einfluß aus. Die offizielle deutsche Forschung hat ihn zwar abgelehnt, aber seine psychologische Einfühlungsgabe, seine glänzenden Beobachtungen, sein tief schärfendes Erkenntnisstreben haben bei allen Einwänden gegen seine Einseitigkeit, gegen seine theoretischen Konstruktionen auf die Weiterentwicklung der Wissenschaft außerordentlich befruchtend gewirkt. Es ist hier nicht der Ort, den strittigen Problemen seiner Forschungsmethode nachzugehen, doch heute schon kann man sagen, daß ein bedeutsamer Bestandteil seiner Lehren in das Gesamtbewußtsein aller Forscher aufgenommen wurde, auch solcher, die die Auswüchse seiner Lehren bekämpfen. Freuds überragende wissenschaftliche Bedeutung, der Reichtum und die Eigenart seiner Ideen lassen gerade ihn für eine Betrachtung im Hinblick auf etwaige jüdische Wesensart geeignet erscheinen. Es gibt Juden, deren geistige Struktur so geformt ist, daß sie gegenüber ihrer Umwelt keine Besonderheiten mehr zeigen. Ihnen ist das Judentum nicht mehr innere Substanz und Kern ihres Wesens, auch dann nicht, wenn sie sich mit jüdischen Inhalten beschäftigen. Möglich, daß sie in ihrem geistigen Mechanismus noch Formen erkennen lassen, die an ihre jüdische Bedingtheit erinnern. Aber das Besondere an ihnen unterscheidet sich in nichts von den Gestaltungen der Umwelt. Um ein Beispiel aus literarischem Gebiet zu nennen: Fulda dürfte einen solchen Typus darstellen. Freud zeigt nun, sowohl in seiner Forschungsmethodik, wie auch in seinen Forschungsinhalten Merkmale jüdischer Eigenart. Daß sein Schaffen mannigfache Bindungen zur deutschen, aber auch zur französischen Methodik hat, soll als selbstverständlich hier kurz betont werden. Die psychopathologische Forschung der neueren Zeit war von den objektiven Methoden beherrscht. Messen und Zählen standen im Vordergrunde. Freuds Lehren stellen gegen diese Betrachtungsweise eine lebhafte Reaktion dar. Er begnügte sich nicht mit dem, was an Erscheinungen vorüberglitt. Er begnügte sich nicht mit ihrer Sichtung und Verknüpfung. Er versuchte vielmehr, was hinter dem Sichtbaren stand, zu erfassen. So