Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Sigmund Freud - ein jüdischer Forscher
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 217 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sigmund Freud — ein jüdischer Forscher 217 zerfließenden, bald gewaltsam bestimmten Charakters im Unanschaulichen, Gefühlsmäßigen stecken bleiben und jeder plastischen Umgrenzung entbehren. Solche intuitiv gewonnene Erkenntnis ist oft Ausdruck tiefster psychologischer Einsicht und gibt sozialen Bewegungen neue Impulse und Ziele. Sie wird aber bestimmt von weltanschaulichen Wertungen. Es ist die Aufgabe der nüchternen wissenschaftlichen Betrachtung, derartige, aus Instinkt, starkem religiös - mystischem Gefühl und Intuition geborenen Erkenntniserlebnisse zu veranschaulichen. Es ist ihre Aufgabe, das intuitiv Erlebte durch Verankerung im wirklichen Geschehen zu festigen und zu sichern. Das Problem wird noch komplizierter, wenn man versucht, die Forschungsweise und die schöpferische Leistung eines Wissenschaftlers als spezifisch jüdisch zu deuten und zu werten. Hier sind möglicherweise die kulturellen Bindungen an die Umwelt so stark, daß die Gefahr der willkürlichen Annahmen den Versuch noch aussichtsloser erscheinen lassen. Man hat weiter versucht, alle volkspsychologischen Differenzen in eine verschiedene Psychologie der einzelnen Gesellschaftsstufen aufzulösen. Auch diese Anschauung würde es überflüssig machen, einen wissenschaftlichen Forscher in seiner spezifischen Eigenart erfassen zu wollen. Man darf aber nicht den wissenschaftlichen Inhalt mit der Methodik des Forschers, die ihn zu eben jenem Inhalt führt, verwechseln. Es gibt keine nationale Chemie, aber der Weg, auf dem der einzelne Forscher zu seinen Ergebnissen kommt, ist je nach der Volkszugehörigkeit verschieden. Die Art des Forschens, die Methodik, die Sichtung und Wertung des Stofflichen ist von dem Charakter des Volkes, dem der Forscher angehört, abhängig. Das trifft insbesondere auf Geisteswissenschaftler zu. Auf künstlerischem Gebiet lassen sich solche Differenzierungen besser feststellen. Wir fühlen Gegensätze, Unterschiede, ohne sie allerdings bislang noch bestimmter erfassen zu können. So hat z. B. Stefan Zweig in einer Charakteristik Wassermanns das Jüdische in lebendig künstlerischer Weise zu erfühlen versucht. Wenn man eine wissenschaftliche Persönlichkeit volkscharakterologisch zu begreifen sich müht, wird man nüchterner zu Werke gehen müssen; immerhin sind die Grundlinien einer solchen Charakteristik hier wie dort die gleichen. Doch erscheint der Versuch, eine Einzelpersönlichkeit als Typ des jüdischen Forschers hinzustellen, noch unter anderem Gesichtspunkt der Gefähr willkürlicher Konstruktion ausgesetzt. Es gibt gewiß nicht nur einen einzigen Forschertyp. Individuelle Anlage, wissenschaftliche Erziehung und die Tradition der Wissenschaft bestimmen die Struktur des einzelnen Typus. Ich will darauf verzichten, vage und schematische Beweisführungen für volkspsychologisch bestimmte Differenzen zu geben. Aber gerade die Geschichte der psychiatrischen Wissenschaft gibt ein anschauliches Bild von volkstümlichen Gegensätzen. Den Unterschied in der französischen und deutschen psychopathologischen Forschung kennzeichnen wir am besten dadurch, daß die Franzosen vor allem die großen Schilderer, die Deutschen die Analytiker darstellen. Der eine besitzt mehr anschauliche