Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Frage der Selbstregierung Palästinas
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 204 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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204 Leonhard Stein: Verwaltung auch in den anderen Teilen des Nahen Ostens so schwer macht. Es ist der gleiche Kampf zwischen Mohammedanern und Christen, Städtern und Bauern, Nomaden und Eingesessenen, der gleiche Mangel an selbstlosen Führern, an nationalem Bewußtsein, der gleiche Gegensatz zwischen dem natürlichen Ehrgeiz und der Unfähigkeit, Dumpfheit und Hilflosigkeit der Masse. Diese Schwächen werden zweifellos im Laufe der Zeit geheilt werden, aber in der Zwischenzeit kann keinerlei Staatsordnung ganz befriedigend sein. Im Irak, Syrien und dem Libanon wurden und werden unzählige Versuche gemacht, aber nirgends ist ein Ausgleich geschaffen worden. Im Irak haben die Wahlen, von denen seit fast 2 Jahren gesprochen wird, noch immer nicht stattgefunden, und das Drohen der Unzufriedenen mit dem Boykott ist noch nicht verstummt. In Syrien und im Libanon sind repräsentative Körperschaften im Entstehen begriffen und erfreuen sich auf dem Papier großen Einflusses. In Wirklichkeit hört man in beiden Ländern unaufhörlich Klagen von Seiten der Nationalisten und die Forderung nach einem größeren Maße von Selbstverwaltung. Wie man die Schuld hierfür zwischen den Mandatarmächten und ihren Pflegekindern auch verteilen mag, so schließt doch die Frage der Selbstverwaltung sehr ernste Schwierigkeiten in sich, und zwar nicht nur für Palästina, sondern für die ganze arabische Welt. In Palästina ist allerdings die Frage besonders verworren. Denn neben der arabischen Bevölkerung, die, wie beschrieben, noch sehr rückständig ist, wohnt eine wachsende, tätige und unternehmende jüdische Minderheit, die im zwanzigsten — oder, wie man fast sagen möchte: schon im einundzwanzigsten Jahrhundert — lebt. Die Rolle, die die Juden dort spielen, ist grundsätzlich von der verschieden, die Europäer je in einer Kolonie gespielt haben. Sie betrachten Palästina als nationale Heimstätte, die ihnen durch die Balfourdeklaration und das Mandat völkerrechtlich gewährt ist. Dieses Ziel hat ihnen seii zweitausend Jahren vorgeschwebt, und da ihnen nun die äußeren Möglichkeiten gegeben sind, tun sie alles, um dieses Land zu ihrer wirklichen Heimat zu machen. Es ist klar, daß die jüdische Hoffnung auf die Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina in manchen Kreisen der Araber auf starken Widerstand gestoßen ist. Aber da wir nicht über die Voraussetzung zu sprechen haben, unter denen das Mandat erteilt worden ist, so sei auf diese Frage nicht näher eingegangen. Es steht jedenfalls fest, daß das Mandat der Ausgangspunkt für all das sein muß, was in Palästina geschieht, und es sei zugestanden, daß es gewisse Einschränkungen enthält: Die Mandatarmacht ist angewiesen, die Entwicklung von Selbstverwaltungseinrichtungen zu fördern; aber derselbe Absatz trägt ihr auch auf, das Land in solche politische, wirtschaftliche und Verwaltungsbedingungen zu bringen, daß die Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte, wie sie in der Präambel festgelegt ist, gesichert erscheint. Der Schutz der nationalen Minderheiten ist eine Verpflichtung, die allen neugebildeten Staaten auferlegt wurde. Andererseits sei zugegeben, daß es kein all-