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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 4 · p. 203

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 4
Article
Zur Frage der Selbstregierung Palästinas
Date
1923-01-01
Page
203 (sequence 11)
Language
German
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Zur Frage der Selbstregierung Palästinas 203 ist dafür, bezeichnender, als die weit verbreitete Forderung nach Schulen. Trotzdem muß man die Dinge nehmen, wie sie heute liegen. Die Schwierigkeit liegt nicht nur darin, daß Palästina bisher keine Erfahrung in der Selbstverwaltung hat, sondern man muß auch in Betracht ziehen, daß die große Masse der Bevölkerung in einem ungewöhnlichen Maße unreif und unverantwortlich ist. Sie ist unerhört leichtgläubig, was geschickte Abenteurer zu nutzen wissen. Die überwältigende Mehrheit sind Analphabeten. Der High-Commissioner berichtete im Dezember 1920, daß von 134 000 Kindern im schulfähigen Alter 100 000 keinerlei Erziehung genossen. Analphabetentum ist besonders für die islamische Mehrheit bezeichnend. In der Zeit des türkischen Regimes waren die Juden und die Christen in der Lage, ihre Schulen aus eigenen Mitteln zu erhalten. Die Regierung jedoch tat nichts für die Erziehung und die Mohammedaner ebenso wenig. Ungebildete Völker sind nicht ohne weiteres unfähig, ihre Angelegenheiten in ihrer einfachen Weise zu verwalten. Aber die auseinanderstrebenden Tendenzen der Araber machen es ihnen oft unmöglich, selbst innerhalb der engen Grenzen eines Dorfes Frieden zu halten. Ein Blick in die palästinensische ,,Official Gazette" zeigt, daß kaum ein Monat verstreicht, in dem nicht erklärt wird, daß einige arabische Dörfer sich im friedlosen Zustand befinden. Das rührt aber nicht etwa daher, daß, wie man annehmen könnte, Streitigkeiten zwischen den Arabern und den Juden bestehen, sondern daher, daß heftige Kämpfe zwischen den arabischen Dorfbewohnern untereinander auszukämpfen sind. Wenn man daher die Frage der Selbstverwaltung untersucht, so darf man nicht vergessen, daß es im ganzen Land eine ganze Anzahl Dörfer gibt, die bereit sind, bei der ersten besten Gelegenheit wieder in ihren früheren Zustand zu verfallen. Gegenüber dieser Masse, die von ungezügelten Leidenschaften beherrscht ist, steht eine gebildete Minderheit, die Rechte verlangt, welche man ihr ebenso schwer gewähren wie verweigern kann. Die Lage wird noch dadurch erschwert, daß das arabische Palästina ungewöhnlich arm an führenden Menschen ist. In Ägypten oder Indien z.B. findet man leitende Persönlichkeiten, auf deren Einsicht und Erfahrung in Verwaltungsangelegenheiten man bauen kann. In Palästina fehlt dieser Geist zwar nicht ganz, aber er ist bedauerlicherweise äußerst selten. Die gebildeten Schichten, die die Araber als ihre Führer anerkennen würden, sind durch das korrupte System, unter dem sie bisher lebten, völlig demoralisiert. Auch die palästinensischen Araber, die Gelegenheit hatten, sich Erfahrung in Verwaltungsangelegenheiten zu erwerben, haben dies in der denkbar schlechtesten Schule getan. Dieser demoralisierende Unterricht kann und wird vergessen werden, aber eine neue Auffassung kann nicht in einem Augenblick geschaffen werden. Das Problem der Selbstverwaltung wäre daher nichts weniger als einfach, selbst wenn es in Palästina nur Araber gäbe. Die palästinensischen Araber vereinigen in sich all die Eigenschaften, die die Frage der Selbst-

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