Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Frage der Selbstregierung Palästinas
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 202 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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202 L e o n h a r d S tein: „Die Bevölkerung westlich des Jordans ist nicht arabisch, sondern nur arabisch sprechend, die Mehrheit der Bevölkerung sind Fellachen, d. h. Landarbeiter, die ein kleines Stück Land in einer Dorfgemeinde besitzen, oder das Land für einen syrischen Effendi bearbeiten ...... Sie sind Jahrhunderte lang niedergedrückt, durch Steuern ausgebeutet und von den Türken eingeschüchtert worden, mehr aber noch von den arabisch sprechenden türkischen Subalternbeamten und von den syrischen und le van tinischen Landbesitzern. Sie haben fast kein nationales Empfinden und wären wahrscheinlich mit jeder Regierung zufrieden, die ihnen -leidliche Sicherheit und die Früchte ihrer Arbeit gewährleistet/' Eine ähnliche Meinung äußert ein anderer Beobachter, dessen Sympathie mit der arabischen Meinung feststeht1): „Die Mehrheit der palästinensischen Bauern hat keinen andern Wunsch als ihre Lebensbedingungen zu verbessern, aber sie ist auch finanziell in den Händen der oberen Klassen, die ihr zu horrenden Zinsen Geld leihen." Die Araber in Palästina können tatsächlich in drei Gruppen geteilt werden, ganz abgesehen von den Beduinen, die man überhaupt nicht in diesen Rahmen fassen kann. Auf der Spitze der sozialen Leiter stehen die Großgrundbesitzer, die Mitglieder eines kleinen Kreises mächtiger Familien, die über einen großen Teil des palästinensischen Landbesitzes verfügen. Auf sie folgt eine mittlere Klasse, die sich aus Kaufleuten, Beamten, Advokaten und Journalisten zusammensetzt, welche alle die bekannten Eigenschaften des Levantinismus besitzen. In beiden Schichten finden sich viele Persönlichkeiten, die einen Anflug von Kultur in sich aufgenommen haben. Die Bourgeoisie umfaßt auch die städtische Intelligenz, in der die verhältnismäßig gut erzogene christliche Minderheit eine Rolle spielt, die ihr ihrer Zahl nach nicht zukommt. Dies ist aber nur der gesellschaftliche Überbau. Den Hauptteil der arabischen Bevölkerung in Palästina bildet eine schwer definierbare Masse, die mit der Bourgeoisie keine gemeinsamen Interessen hat. Die Fellachen, die das Rückgrat der Bevölkerung bilden, sind trotz ihres Phlegmas fleißige Ackerbauer, im ganzen eine emsige, nicht unsympathische Bevölkerung, von einer rührenden Einfachheit in ihren Methoden und sehr begrenzt in ihrem Ideenkreise. Die entsprechende Bevölkerung in den Städten ist kaum weiter entwickelt. Sowohl in den Städten wie auf dem Land findet man gelegentlich aktivere Menschen, aber im arabischen Palästina als Ganzem ist die Zivilisation seit Jahrhunderten auf einem toten Punkt angelangt. Es besteht kein Grund zu der Annahme, daß die arabische Bevölkerung sich nicht doch endlich weiter entwickeln wird. So rückständig und ungebildet sie auch sein mag, so lebt in ihr doch das Streben nach einer höheren Entwicklung. Man hat in Palästina das Gefühl, daß alle Bevölkerungsschichten hervorragende Typen hervorbringen werden. Auch jetzt sieht man schon Anzeichen dafür, daß neues Leben sich regt. Nichts J) Mrs. Rosita Forbes, „Sunday Times", 18. 3. 1923.