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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 4 · p. 201

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 4
Article
Zur Frage der Selbstregierung Palästinas
Date
1923-01-01
Page
201 (sequence 9)
Language
German
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Zur Frage der Selbstregierung Palästinas 201 wägungen wäre dies nur durch eine allmähliche Entwicklung herbeizuführen. Die englische Tradition forderte, daß man Palästina dazu erziehe, seine Angelegenheiten selber in die Hand zu nehmen. Da sich die englische Regierung für die Regierung des Landes verantwortlich fühlt, war sie auch für seine politische Erziehung verantwortlich. Aber nach der englischen Tradition durfte diese Erziehung auch nur allmählich vor sich gehen. Das Problem, dem England in Palästina gegenübersteht, ist nicht einheitlich und wird durch mehrere ungewöhnliche Momente noch komplizierter. Es ist die Frage, vor die sie sich in jedem unentwickelten Lande gestellt sieht, indem sie Kompromisse schließen muß zwischen ihrer Verpflichtung gegenüber der scharf ausgeprägten Minderheit, die politische Äußerungsformen sucht, und ihrer Verpflichtung gegenüber der uneinheitlichen Mehrheit, die vor Ausbeutung geschützt sein will; und schließlich der Verpflichtung vor sich selber, da sie der Welt gegenüber für Frieden, Ordnung und eine ordnungsmäßige Verwaltung verantwortlich ist. Wer mit den Verhältnissen in Palästina nicht vertraut ist, kann sich keine rechte Vorstellung machen, mit welchem Menschenmaterial man dort zu tun hat. Eine arabische Delegation aus Palästina war kürzlich in London. Sie war aus den verschiedensten Typen zusammengesetzt und vertrat alles andere als die große Masse der arabischen Bevölkerung. Widerspenstige ehemalige Beamte des bekannten levantinischen Typs, feudale Großgrundbesitzer, die ihre Dörfer lange unter einem eisernen Druck gehalten hatten, enttäuschte Stellenjäger, die sich vorgestellt hatten, daß Palästina ein Paradies für englisch sprechende, ansässige Christen sein werde, das waren die Typen, die man dem englischen Volk als Vertreter der palästinensischen Bevölkerung vorsetzen wollte. Die Delegation ist aber insofern eine wirkliche Vertretung, als die Körperschaft, für die sie spricht, zweifellos bedeutenden Einfluß auf die arabische Bevölkerung hat. Es wäre müßig, abzuleugnen, daß die Vorschriften der „Moslemisch-Christlichen Gesellschaft" im gegenwärtigen Augenblick in großem Maße, wenn auch nicht überall, als bindend beachtet wurden. Woher auch immer die arabische Agitation stammt, sie ist eine Tatsache, mit der man zu rechnen hat. Die Propaganda, die sie geschaffen hat, wird zweifellos durch den Lauf der Dinge Lügen gestraft werden. Aber wenn die Araber, wie es tatsächlich ist, in Bewegung gekommen sind, so genügt es nicht zu sagen, daß das nur durch fremde Ideen kommt, die man ihnen eingepflanzt hat. Der wirkliche Politiker muß wissen, wie weit sie sich diese Ideen ganz angeeignet haben. Wenn man die Frage der Selbstregierung behandeln will, so muß man jedenfalls zunächst sich klar machen, welcher Art die Bevölkerung in Palästina ist. Sie ist gewiß ganz anders als diejenigen, die in ihrem Namen zu sprechen vorgeben. Darüber berichtet das Handbuch für Syrien und Palästina, das von unparteiischen Sachverständigen stammt1), wie folgt: *) Handbuch, herausgegeben unter der Leitung der historischen Abteilung des „Foreign Office" No. 60 (London 1920) S. 55.

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