Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Frage der Selbstregierung Palästinas
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 200 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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20O Leonhard Stein: Blöße zu geben. Andererseits ist das Mandat, während es sich zur Frage der Unabhängigkeit nicht äußert, sehr klar in der Frage der Selbstverwaltung. Artikel 2 verlangt, daß die Mandatarmacht Selbstverwaltungseinrichtungen im Lande schaffe, und Artikel 3 sieht vor, daß sie, soweit es die Umstände erlauben, lokale Autonomie unterstütze. Auch wenn diese Verpflichtungen nicht förmlich akzeptiert worden wären, so stände es doch außer Frage, daß das autokratische System aus der Zeit der türkischen Herrschaft in Palästina nicht aufrecht erhalten werden konnte. Die Zeiten haben sich geändert, und das Palästina von heute ist nicht mehr das von 1914. Palästina ist auch nicht von der Gärung unberührt geblieben, die im Osten vor sich geht. So rückständig und träge, wie die große Masse der Bevölkerung noch ist — es ist doch schon ein allmählicher Ansatz zu erkennen, sich auf eigene Füße zu stellen. Diese Tendenz wurde noch verstärkt durch das Übergehen Palästinas aus moslemischen in christliche Hände. Die Türken waren autokratisch, aber die mohammedanische Mehrheit der Bevölkerung hatte wenigstens das befriedigende Gefühl, daß ihre Herren Moslems waren wie sie selber. Keine nichtislamische Macht konnte einer ebensolchen Unterwürfigkeit sicher sein. Andererseits vertrauten die christlichen Araber nun mehr darauf, daß mit diesem Regierungswechsel ihr eigner Stern aufgehen werde. Außerdem hat das starke Nationalgefühl der Juden erzielt, daß ein entsprechendes Einheitsbewußtsein bei den Arabern geschaffen wurde und daß ihr Interesse am öffentlichen Leben zur/ahm. Diese neuerwachten Instinkte haben bis zum gegenwärtigen Moment ihren Ausdruck nur in der negativen Form des Widerstands gegen die Juden gefunden. Die Tatsache, daß die arabischen Führer nichts anderes zu bieten hatten als dieses unfruchtbare Programm, beweist zur Genüge, daß zurzeit der arabische Nationalismus in Palästina gleichsam eine exotische, schlecht verwurzelte Pflanze darstellt. Er ist zum großen Teil auf die arabische Leichtgläubigkeit gegründet, die mit der Zeit notwendigerweise geringer werden wird. Er ist ein ganz ulfangemessenes Einheitsband zwischen den verschiedenen Schichten der arabischen Bevölkerung. Die Araber können ebensowenig wie ein anderes Volk nur durch eine Politik der bloßen Negation zusammengehalten werden. Es ist bis jetzt noch keine Spur einer aufbauenden Idee in diesem Nationalismus zu erkennen, und durch ihr Fehlen treten die auseinander strebenden Tendenzen um so stärker zutage. Die arabische Bewegung wird erst dann einen Sinn bekommen, wenn das Volk aufgerufen wird, selbst etwas in Palästina zu schaffen und nicht nur zu verhindern, daß durch die Juden etwas im Lande und für das Land geschaffen wird. Es sind allerdings schon Anzeichen dafür vorhanden, daß die Araber auf dem rechten Wege dazu sind, und es ist zu hoffen, daß sie aufbauende Kräfte aufweisen werden, sobald die Lage klarer wird. Die Entwicklung von Selbstverwaltungseinrichtungen war daher nicht nur durch das Mandat geboten, sondern wurde auch durch den neuen Geist, der den Osten durchzieht, notwendig. Aber ungeachtet solcher Er-