Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Frage der Selbstregierung Palästinas
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 197 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Frage der .Selbstregierung Palästinas 197 es gewesen, aus Palästina einen Staat zu machen, so demokratisch oder so undemokratisch, so gut oder so schlecht verwaltet, wie Persien, Afghanistan oder der Hedschas. Aus leicht ersichtlichen Gründen konnte keine derartige Lösung in Betracht kommen. Ihr stand auch nicht etwa allein die Balfourdeklaration im Wege. England und seine Verbündeten hatten sich allerdings verpflichtet, die Errichtung einer jüdischen Heimstätte zu erleichtern. Sie konnten also nicht damit beginnen, das Schicksal der jüdischen Minorität der unkontrollierbaren Besonnenheit einer unabhängigen arabischen Regierung zu überlassen. Aber auch ohne die Balfourdeklaration hätte die sofortige Unabhängigkeit des Landes nicht in Frage kommen können. Kein verantwortungsvoller Kenner des Landes kann darüber im Zweifel sein, daß völlige Unabhängigkeit in diesem Augenblicke nichts anderes wäre als gänzliche Unordnung, wenn nicht gar völlige Anarchie. So gut auch die Absichten einer unabhängigen Regierung gewesen wären — und es besteht kein Grund, ihren guten Willen zu bezweifeln — so wäre es doch unvermeidlich gewesen, daß sie mit auseinanderstrebenden Kräften zu kämpfen hätte, die sich als stärker als sie selbst erwiesen hätten. Anarchie in irgend einem Teil des Nahen Ostens wäre an sich schon eine ernste Gefahr. In Palästina gar, das das Zentrum der religiösen Gemeinschaften der halben Menschheit in sich birgt, wäre sie unerträglich gewesen. Ganz abgesehen vom Zionismus war es darum unvermeidlich, daß Palästinas Verwaltung unter allen Umständen eine besondere Regelung erhielt. Welche Gefahren auch immer in anderen Teilen des Nahen Ostens daraus entstehen konnten, wie diese Länder in den internationalen Verträgen behandelt wurden, so konnte sicherlich Palästina nicht so betrachtet werden, als ob es nur für sich bestehe. Seine Zukunft war von Bedeutung für die zivilisierte Welt überhaupt, und hätte man den Juden auch keine Versprechungen gemacht, so hätte die öffentliche Meinung von den siegreichen Mächten gefordert, daß man der besonderen Lage dieses Landes Rechnung trage. Es ist weiterhin eine Illusion zu glauben, wie es neuerdings einige Phantasten tun, daß man Palästina völlige Unabhängigkeit ohne Rücksicht auf die Folgen hätte gewähren sollen, wenn man dazu nur nicht durch die Balfourdeklaration den Weg versperrt hätte. So wie sich die Lage neuerdings entwickelt hat, hat man es vermieden, die Gefahren einer völligen Unabhängigkeit in irgend einem der ehemals türkischen Gebietsteile auf sich zu nehmen. Artikel 22 des Völkerbundstatuts geht darin so weit, daß er erklärt: ,, Gewisse Gebietsteile, die früher dem türkischen Reich angehörten, haben eine Entwicklungsstufe erreicht, daß sie als unabhängige Staaten vorläufig anerkannt werden können — vorausgesetzt, daß sie Rat und Hilfe in ihren Verwaltungsangelegenheiten von einer Mandatsmacht so lange erhalten, bis sie vollkommen auf sich gestellt sein können." Dies ist allerdings ein nach allen Richtungen hin dehnbarer Begriff. So erfreulich auch der Geist ist, der aus diesem Paragraphen spricht, so ist