Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1923-01-01 · Heft 3 · p. 188

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 3
Article
Rosa Luxemburg
Date
1923-01-01
Page
188 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101201-3101205-3109004--6883-3109077
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

i88 Bemerkungen: Rosa Luxemburg lismus, die Mutter liest wohl die Bibel, aber gleich daneben steht ihr Schiller. Rosa Luxemburg selbst hat sich wohl instinktiv als „polnische Jüdin" gefühlt und bezeichnet; aber in seinem Gedankeninhalt wie in seinen Gefühlswerten stand ihr das Judentum damals sehr ferne. Dennoch: in ihrer frühen Jugend geschahen die Pogrome vonBalta und von Warschau, dieWillkürherrschaft der Pobedonoszew und Tolstoi, endlose Bedrückungen und Ungerechtigkeiten an ihren Stammesgenossen. Man sollte meinen, der Kampf für die bedrängten Juden hätte die Kämpferin zu allererst zu den Waffen gerufen. Aber ob nun jenes jüdische Geschlecht noch allzu dankbar — beschämend dankbar — für die kargen Reformen Alexanders III. war; oder ob in ihr selbst der Gegensatz gegen die kapitalistische Umwelt, deren Produkt sie doch war, stärker war als das stammhafte Zusammengehörigkeitsgefühl: sie ging den Weg der polnischen Jugend, den Weg zum Sozialismus. Daß sie ihn aber ging, und wie sie ihn ging: daran hatte das in ihr begrabene Jud entum sein en entschiedenen Anteil. Denn nicht aus mystischreligiösem Triebe wie etwa Dostojewski kam diese Bürgerstochter aus gesicherter Wohlhabenheit zu den Erniedrigten und Beleidigten; sehr klar zieht sie da einmal selbst die Grenzlinie in ihrer Einleitung zu Korolenkos,, Geschichte meines Zeitgenossen". Auch nicht aus persönlicher Hinneigung zum „Volk" wie etwa Korolenko selbst, der Handwerker wurde, um den arbeitenden Ständen näher zu sein. Aber verbrüdert fühlt sie sich den Entrechteten durch die Entrechtung ihres Stammes; und blutsmäßig, instinktiv begrüßt sie in jenem altjüdischen Gedanken, der erst unter der Sonne des 19. Jahrhunderts in jüdischen Köpfen zur weltgeschichtlichen Tat reifte, die alte jüdische Fahne, die auch diese versprengten Kinder noch um sich scharte. Und dann folgte die neue Entscheidung und Stellungnahme innerhalb der großen sozialistischen Gemeinde. Auch bei dieser Entscheidung, der folgenschwersten ihres Lebens, spricht, ihr selbst sicher unbewußt, das schweigende Judentum mit. Es war damals die Zeit, da sich in Polen selbst die Sozialisten in zwei Gruppen schieden; von den internationalen Sozialisten trennten sich die Sozialpatrioten, aus denen sich die polnische national-soziale Partei entwickelte. Früh erklingt, was spät erklang. Dieser Partei galt Rosa Luxemburgs Opposition, die erste wie die letzte. Der erste Artikel, den die Zürich er Studentin 1896 an Karl Kautsky, den Redakteur der „Neuen Zeit"f sandte, handelte von den nationalistischen Strömungen in der polnischen sozialistischen Bewegung. Und schon damals wurde sie im polnischen „Naprzod" (Vorwärts) daraufhin nicht nur persönlich scharf, sondern auch geradezu antisemitisch angegriffen. Da sehen wir den einen, an der Oberfläche liegenden Grund ihrer Entscheidung. Diese Sozialisten sind zugleich Antisemiten. Kaum aber wäre dies ausreichend gewesen, sie zu beeinflussen; wie es ja so häufig die Entscheidung des jüdischen Politikers nicht beeinflussen konnte. Aber dahinter steht eine tiefere Wahrheit: wie konnte die Jüdin, für die das zeitliche Vaterland Polen doch nur ein Nachtasyl bedeutete, die Idee dieses Vaterlandes über die Idee der Menschheit stellen? Es ist dieselbe Frage, die zwanzig Jahre später ihre Stellung im Weltkrieg bestimmte. Wie steht der Arbeiter zum nationalen Staat? Die Antwort blieb zuerst wie zuletzt die gleiche: Die Bildung des kapitalistischen Staates war die wohlgetane Arbeit des Bourgeois; des Proletariers Aufgabe ist im bestehenden Staate der Kampf um seine demokratischen Rechte; sein Ziel aber ist die Gründung eines neuen Staates, der die Diktatur des Proletariats verwirklicht. Die immer schärfer hervortretende Entwicklung dieses Gedankens bestimmt dann auch ihre Parteinahme innerhalb der deutschen sozialistischen Partei, ihre Ablehnung der parlamentarischen Ziele, ihre wachsende Vereinsamung. Grell beleuchtet erscheint dann diese ihre innere Einsamkeit im Kreise der „Genossen", als der Krieg ausbricht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.