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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 3 · p. 189

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 3
Article
Rosa Luxemburg
Date
1923-01-01
Page
189 (sequence 4)
Language
German
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Bemerkungen: Rosa Luxemburg 189 Ehe die erste Granate einschlug, stürzte ein gewaltiges Gebäude zusammen. Die Internationale, die dem Kriege den Krieg geschworen hatte, brach entzwei. Rosa Luxemburg war damals kaum von schwerer Krankheit erholt und nahm fast allein den Kampf gegen die zwei Fronten auf. Fieberhaft arbeitete sie, bis man sie 1915 trotz der Amnestie ins Gefängnis in die Barnimstraße schickte. Sie hat von da an durch die ganze Dauer des Krieges in verschiedenen Gefängnissen gesessen. Aber nicht stumm: Unzählige Aufsätze, Spartakusbriefe, die prachtvolle Junius-Broschüre flogen über dieMauer. Aus jenen Jahren stammen nun auch die oben erwähnten Briefe, die uns die andere Rosa Luxemburg zeigen. Anfang und Ende ihres Weges. Nicht mehr im Lä*m der Volksversammlungen bricht sich ihre Stimme Bahn; allein ist sie in ihrer kahlen Zelle mit den Ewigkeiten des Lebens: mit der Kunst, mit der Natur, mit dem Sein, das hinter den Dingen steht. Die künstlerische Begabung der Kunstfreundin scheint besonders akustischer Natur gewesen zu sein, auch hierin jüdischer Stammeseigentümlichkeit entsprechend. Ihre Urteile über Werke der bildenden Kunst entbehren jener Originalität, die sonst jedes einzelne Wort von ihr bezeichnet. Hochentwickelt dagegen scheint ihr Gefühl für Dichtung und Musik, Lieder von Hugo Wolf, ja einzelne Verse von musikalischem Wohllaut können ihre empfänglichen Sinne verzaubern und sie völlig von dieser Welt des Alltags befreien. Ihr literarisches Urteil, das eine Reihe vielfältigster Erscheinungen umfaßt (Galsworthy, de Coster, Romain Rolland stehen ihr besonders nahe) scheint mit den Jahren immer strenger geworden zu sein. Aus ihrer eigenen Frühzeit wird von ihren begabten polnischen Novellen berichtet, die mir nicht zugänglich sind; aber auch ihre Briefe sind, obwohl die Ausländerin sich manchmal verrät, in einem lebendigen und farbenreichen Deutsch geschrieben, um das sie mancher geboreneDeutsche beneiden könnte. Von ganz anderer Kraft noch ist die Rolle, welche die Natur in ihrem Leben spielt. Auch hier läßt sich in den Briefen an Luise Kautsky eine herzergreifende Entwicklung beobachten. Früher hatte sie wohl — die Kommunistin, die Volksrednerin — die schöne Welt gesucht, wo sie am schönsten war: am Vierwaldstätter See, auf Korsika, in Italien, am Gardasee. Jetzt aber wird sie immer unabhängiger von dem Was des Natureindrucks. Blumen kann man auch am Fenster der Gefängniszelle pflegen'; die roten Wolken des Abendhimmels strahlen ihr auch durch die vergitterten Scheiben. Vor allem das Leben der Tiere erlebt sie in dieser letzten Einsamkeit mit dramatischer Wucht. Bald als Idylle wie das Sommerleben der Blaumeisen vor ihrem Fenster, öfter aber als Tragödie: die rumänischen Büffel im BreslauerGefängnishofe,freiheitgewohnt,jetzt geschlagen, getreten, gefangen, sprechen von der Qual, die ihr tapferes Herz sich selbst und den Freunden verbarg. Aber die Steme in den unendlichen Weiten und die Vögel, die übers Meer ziehen, befreien die Seele der Gefangenen von sich selbst und von ihrem Leid. In dieser letzten Einsamkeit reißt nun in wahrhaft metaphysischem Geschehen die uralte Macht des Vätergedankens die Widerstrebende endlich wieder zurück zu sich. Plötzlich werden Gestalten und Worte der Bibel ihr wieder lebendig. „Wir gleichen wahrhaft den Juden, dieMoses durch die Wüste führt" heißt es in der Juniusbr©schüre. Und sicherlich ist es mehr als Zufall, daß die letzten Worte, die sie schrieb, unmittelbar an die geheimnisvolle Form der Theophanie des alten Bundes erinnern. Ihre leidenschaftliche Lippe war schon verstummt, da brachte die Rote Fahne einen letzten Aufsatz von ihr, der die Geschichte der Revolutionen und ihrer Niederlagen behandelte. Er schloß mit den Worten: „Die Revolution wird sich morgen schon rasselnd wieder in die Höhe richten, und zu Eurem Schrecken mit Posaunenklang sprechen: Ich war, ich bin, ich werde sein!" Bertha Badt-Strauss

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