Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Rosa Luxemburg
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 187 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen: Rosa Luxemburg 187 versuchte kürzlich an dieser -Stelle3), den psycho-analytischen Prozeß der Verdrängung in der Seele des westeuropäischen, durch das Assimilationsjahrhundert gegangenen Juden darzustellen: gewisse Komplexe von Vorstellungen, Erinnerungen und Strebungen werden aus irgend welchen Gründen von der Helle des Bewußtseins abgedrängt, wirken aber in der Tiefe lebendig fort. Bis in die letzten Tiefen der Seele, wo ihre eigentlichen, geheimnisvollen Triebkräfte ruhen, die allem seelischen Geschehen Kraft und Rhythmus geben, reicht das Ausschalten — oder sagen wir richtiger das Ausschaltenwollen — dieser am Ursprung des Seelenlebens wirkenden Kräfte.—In ein em ganz besonderen, ungeahnt weit reichenden Sinne vollzieht sich dieser Vorgang im Wesen und WerkderRosa Luxemburg. Eine unglücklich -glückliche Fügung hat uns in diesem Falle das Bild der ursprünglichen Natur dieser Frau erhalten — in den Gefängnisbriefen. Das alte griechische Märchen von der Medusa enthüllt sich vor uns, die einmal ein lieblich junges Mädchen war; „bevor die Stirn der Göttin Angebinde verschattet ihr mit wirrem Schlangenhaar". In dieser Natur findet sich jede Zartheit und jede Feinheit angelegt, vomMutwillen bis zur Wehmut. Mit überempfindlichen Nerven saugt sie die Umwelt in sich ein:, „wie ein Mensch ohne Haut" kommt sie sich manchmal vor. Gleich ihrer Stammes- *schwester Rahel Levin besitzt sie eine eigentümliche Empfänglichkeit für die Einflüsse der Atmosphäre; ein Windhauch kann sie trüben, ein Sonnenstrahl sie erhellen. Die gleiche Empfänglichkeit aber bringt sie aller Schönheit des Lebens entgegen, wo sie ihr entgegentritt. Die Prophetin des Proletariats ist von vornherein und für sich selbst durchaus nicht auf eine proletarische Existenz eingeschworen, was sie in der eigenen kindlichen Offenherzigkeit ihrer Briefe auch niemals zu verleugnen sucht. Die lebendigen Bilder einer Reise nach Italien, einer Fahrt nach Korsika, ') Jahrg. 1923, Heft 12. ja eines übermütigen Sektgelages in einem Schwarzwaldhotel überraschen in den Briefen der Sozialistin. Und sieht man ihren Zukunftsträumen näher ins Auge, so tragen sie fast den verpönten bourgeoishaften und bildungsphilisterlichenCharakter: „Reisen—gute Bücher lesen — und den Frühling bewundern". Krone des Lebens wäre diesem „schärfsten Kopf unter Marx* Schülern" bei ungehemmter Entwicklung wohl die wissenschaftliche Arbeit geworden. Vielleicht nicht eigentlich produktiv, aber bohrend analytisch, unerbittlich schließend stellt ihre denkerische Anlage einen ganz bestimmten Typus ostjüdischen Intellekts dar; und der Eros ist zu Zeiten in ihr so mächtig, daß sie ihr großes Buch „Die Akkumulation des Kapitals" — den „dicken Schmöker" nennt sie es später respektlos — wie in einemRausch schreibt, Tagelang, Nächte lang, ohne an Essen und Trinken zu denken. — So schafft nur, wen der Dämon erfaßte. Nun aber beginnt die große Verdrängung im Leben dieser Seele. Durch einen übermächtigen Willensentschluß werden alle diese naturhaften Anlagen und Strebungen unterdrückt. Die Zarte schmiedet sich um zur Verfechterin der Gewalt, die Genußfrohe wird karg, die Forscherin läßt ihre langbedachte Arbeit liegen, um sich ganz der Parteiarbeit hinzugeben. Vielleicht erklärt sich gerade durch diesen beständigen Kampf gegen ihre eigene Natur das Gewalttätige, das Krasse und Grelle, das so manchen in ihren Worten befremdete; das „Niemals genug!" ihrer öffentlichen Wirksamkeit. Auch dies ist eine typisch jüdische Exilserscheinung; wir konnten sie im Weltkriege nur zu häufig-— nicht nur in LissauersHaßgesang — beobachten. Der Wanderer, der nachts allein durch den Wald geht, singt um so lauter, wenn er die innere Furcht betäuben will. Zum zweiten Male greift die Verdrängung in ihr Leben, wo es sich um das Ziel ihres Kampfes handelt. Sie entstammt dem emanzipationsfrohen jüdischen Bürgerhause Polens; der Vater schwört zu Spencers Libera-