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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 3 · p. 186

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 3
Article
Rosa Luxemburg
Date
1923-01-01
Page
186 (sequence 1)
Language
German
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BEMERKUNGEN ROSA LUXEMBURG Einmal sah ich sie im Leben. Es war im "Winter 1918, einige Wochen nur vor ihrem Tode. Der große Saal im Osten Berlins war zum Bersten voll, man stand auf Stühlen, man kletterte auf Balustraden. Mitten in diesem Menschengewühl stand auf niedrigem i Podium die gebrechliche und unscheinbare Gestalt im dunklen Kleide, beherrschte mit ihrer durchdringenden, scharf betonenden Stimme, wie es schien: mühelos, den weiten Saal und zwang alle diese Menschen zu einer .willensgeeinten Masse zusammen. Niemals vorher und niemals nachher hörte ich Meisterhand wie hier auf diesem schwierigsten aller Instrumente, der Massenseele, spielen. Gefährlich wars, hier zu widersprechen, wenn man anderer Meinung war als die Rednerin. Denn die fanatisierten Hörer übernahmen selbst rasche Justiz, wenn es galt, einen Zwischenrufer aus dem Saale zu entfernen. — Aber ihre Rede war auch ganz und gar auf die Masse eingestellt. Zum Straßenkampf rief sie die Arbeiter auf gegen die verhaßten Genossen*\ — „Daumen ins Auge und Faust auf die Brust!" so schloß sie. Ich höre es noch. Damals trug sie — uns andern unsichtbar, ihr selbst bewußt — das Mal des Todes schon auf der Stirn. Es war kein Raum für ein Wesen gleich ihr in einem Staate, der ihren Zukunftshoffnungen nicht entsprach. Der alte Polizeistaät hatte sie immer und immer wieder ins Gefängnis geschickt, um sie mundtot zu machen. Der neue sozialistische — vielmehr nach ihrer Meinung: sozialpatriotische — Staat erschlug sie; ein Werkzeug der alten Zeit, den Leutnant Krull, benutzend — und vielleicht nicht ungern benutzend, wofür der bis heute ungesühnte Mord Zeugnis ablegt. Alter und neuer Staat verbündeten sich gegen die eine Frau. Ihr Tod läßt uns in seiner Bestialität noch heute erzittern; überraschen konnte er nicht; am wenigsten sie selbst. Er folgte mit Notwendigkeit aus ihrem Leben. „Sie wissen, ich werde doch mal auf meinem Posten sterben: in einer Straßen Schlacht, oder im Zuchthaus . . . .", so hatte sie längst geschrieben. Plötzlich, wie ein Bild von einem anderen Stern, kamen dann ihre Briefe zum Vorschein: die erste Sammlung der „Briefe aus dem Gefängnis" enthielt die Briefe an Sophie Liebknecht1). Die zweite Sammlung, die Luise Kautsky herausgab2), enthielt die Briefe an Karl und Luise Kautsky. Auch in diesem Bande entstammen die meisten Briefe und die bezeichnendsten den Gefängnisjahren, und es * ist ein seltsamer Gedanke, daß ohne die unfreiwillige Muße, die das alte Regime der Feindin bereitete, diese ganze Welt uns ohne Zweifel verhüllt geblieben wäre. Und welche Welt ist das: in der Gefängniszelle, vier Fuß breit und sieben Fuß lang, ersteht ein neues Reich: das Reich eines Menschen, der sich eingeschlossen, frierend und einsam immer noch „steinreich" fühlt, so lange es Blumen, Wolken, Bilder und Bücher gibt. Von allem abgetrennt, was die Welt Schönes hat, bleibt sie immer noch stark genug, um die andern zu trösten, zu erheitern und aufzurichten — die Freienl Und sie war doch selbst der Meinung gewesen, daß es nichts Schöneres in der Welt gebe als „Sonne, Sturm und Freiheit". Es ist ein stilles Drama, das sich in diesen Briefen vor uns abspielt, für manchen ergreifender als das. laute Geschehen ihrer öffentlichen Laufbahn. Und die Frage erhebt sich uns: Wie ist es um die Zusammensetzung dieser Natur bestellt, in der Stille und Sturm eine so seltsame Ehe eingegangen sind? Welchen Anteil hatten ihr Schicksal und ihre Abstammung daran, daß sie in diesem besonderen Sinne „Eins und Doppelt" wurde? Joseph Prager *) Verlag: Junge Garde, Berlin C.) 2) E. Laubsche, Verlagsbuchhandlung Berlin 1923.

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