Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Erscheinung der Kindheit
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 184 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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184 Chaim Nachman Bialik: Noch lebt mein süßes Herzensgraun in den Verstecken Und meine zartsten Träume irgend im Gesträuch, Noch stehn die Berge auch an ihrer Stelle, In ihres Teppichs Pracht, durchwirkt von Blumen, und in Tau gehüllt — Noch ist das Siegel meiner Schritte drauf, Mein Lebensleuchten ruht auf ihrem Antlitz. In ihren Spalten birgt sich noch bis heut Posauneriweckruf meiner Seele — und mein Geist Irrt immer dort noch, staunend so als stumm. Und auch mein ärmlich Elternhaus, Das sichre Nest und meines Friedens Zelt, Die Stätte, wo der Mutter Antlitz leuchtete, Und ihrer Schwingen schützendes Versteck — Schatz ihrer Küsse, ihres warmen Schoßes Duft — — Fürwahr, dort wo im Dorf es stand, Auf seinem kleinen Hügel, in des breiten Kastanienbaumes Schatten, Stehts noch gepflanzt und blickt wie ehedem, Klein, weiß und lieb, mit niedrem Dach und kleinen Fenstern,, Mit Moos gepflastert das Gesims, Gras in den Ritzen, Und ringsum Gartenschmuck und wild bewachsne Plätze. Es fließen stumm an ihm, mit Wolkenzügen, Die Zeiten hin — doch steht das Häuschen auf der Höh, Steht Tag und Nacht und blickt der Dinge Wandel nach3 Und träumt in Fernen immer noch von mir. Ja, seine Wände trauern stumm um mich, Mein Angedenken füllt noch still die Räume, Und dem Gebälk scheint meines Lebens Bildspur eingebaut» Ich weiß, daß einmal nur Der Mensch vom goldnen Kelche trinkt. Nicht zweimal wird ihm solchen Glanzes Schau. Ein Blau des Himmels gibts, ein sprossend Grün, Ein heimlich Licht der Weltenfülle, Ein strahlend Antlitz aller Kreatur, Des einmal nur gewürdigt Kindesblick.