Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Karl Marx als Jude
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 180 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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i8o E. J. L e s s e r: oft genug gezeigt. Man sehe etwa den Abschnitt im ersten Bande des Kapital über „Seniors letzte Stunde". Aber Karl Marx war vor allem, vor aller wissenschaftlichen Tätigkeit und abgesehen von ihr, revolutionär, und das Ressentiment des Juden spielte dabei gar keine Rolle. Die „Empörung über die Infamie des Bestehenden" machte ihn zum Revolutionär — und der zukunftssichere Optimismus, der die kommende Entscheidung des Klassenkampfes aus dem dialektischen Verlauf der Weltgeschichte errechnet hat. Nur wir können ihn ganz begreifen, die wir die Hoffnung des Juden kennen, die Hoffnung auf die kommende Welt, auf den Messias, der kommen wird, sein zerstreutes Volk in späten Tagen auf den festgegründeten Berg Zions, das Haupt der Berge zurückzuführen. Und „die Empörung über die Infamie des Bestehenden?" Gewiß hat sie jeder Revolutionär, aber der Jude ist prädestiniert, sie zu empfinden. Im 5. Bande der Geschichte des Volkes Israel von Renan steht ein seltsam grandioses Kapitel über Kohelet. Seltsam, wie dem geistreichen, gelehrten und gewaltigen französischen Rethor der reiche Pariser Jude, den er so gut kennt, und so glänzend zu schildern weiß — nicht wie Marx aus abstrakten Theorien heraus, sondern wie Balzac seine Romanhelden nach der Wirklichkeit malt — mit dem Juden zu einem Menschen wird, der im ersten nachchristlichen Jahrhundert das Buch vom Leiden der Welt geschrieben haben soll. In diesem Kapitel steht zu lesen, daß „für den Juden nicht wie für den Christen Armut und Niedrigkeit Tugenden sind. Unglücksfälle des Lebens sind sie, gegen die man kämpfen muß". Die Mißbräuche und Gewalttaten, die den Christen ruhig lassen, „empören den Juden", und der Jude ist „immer der Meinung, daß man schon hier unten die größtmögliche Gerechtigkeit üben muß". Und wenn auch des Juden Wesen den demokratischen Prinzipien unzugänglich bleibt, „jeder Mißbrauch der Macht empört ihn". Fügen wir hinzu, daß der jüdische Idealismus extremer ist, als der anderer Völker. Von den großen Propheten bis zu Marx, Rosa Luxemburg, Landauer ist die radikale Einspannung des- Lebens unter einen Gedanken, neben dem Leben und Lebensglück gleichgültig wird, unser Erbgut geblieben bis auf den heutigen Tag. Ob es gut oder schlecht ist, wenn solche Menschen die Geschicke von Staaten und Völkern in die Hand bekommen? In der wunderbaren Unterscheidung Max Webers zwischen dem Gesinnungs- und dem Verantwortungsethiker, oder in der Erläuterung, die Lassalle für Marx und Engels zu seinem „Sickingen" schrieb, suche man die Antwort auf diese Frage. Jeder muß sie für sich selbst finden, „dem Dämon in der eigenen Brust gehorchend". Dieser selbe Karl Marx, der das Judentum nicht kannte, den es so wenig interessierte, daß es ihm nicht einmal wie sonst den abgefallenen Juden zum „Gelächter und zur schmerzlichen Scham" ward, war in Lebensweg, Lebensführung und Arbeitsweise der Vollblutjude, der er seiner Abstammung nach sein mußte, und zugleich der unerbittliche, der mit seinem Problem rang, bis zum Morgen: ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn.