Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Karl Marx als Jude
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 179 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Karl Marx als Jude 179 verstehen, der — Familienvater! — sein ganzes Vermögen in eine revolutionäre Zeitung steckt, mit dem Scheitern der Revolution und dem Verbot der Zeitung verliert, mittellös in London ankommt — und sich nun von seinem Freunde Friedrich Engels ernähren läßt. Uns ist das selbstverständlich. Uns erzählte die Mutter von dem Urgroßvater, den sie als Kind gekannt: in der kleinen pommerschen Landstadt saß der weißbärtige Alte im Hinterstübchen Tag und Tage über die riesigen hebräischen Folianten gebeugt, indes die Frau in der Vorderstube mit den Bauern handelte, die Kinder aufzog und über die materiellen Angelegenheiten der Familie herrschte. Warum sich mit Sorgen über den Lebensunterhalt der Familie belasten, wenn das Leben uns nur gegeben ward, Thalmud zu lernen? So auch Marx, 1850 in London. Die soziale Revolution lag für diesmal zerschmettert am Boden. Aber die Theorie für die kommenden Klassenkämpfe mußte aufgebaut und geschrieben werden. Engels kommt dafür nicht in Frage; er hat selbst von „seiner bekannten Trägheit en fait de theorie" geschrieben. Dieser herrliche Mensch nimmt 20 Jahre lang — und die besten im Leben des Mannes von 30—50 — den „verfluchten Commerz" auf sich, und hält den Freund und dessen Familie über Wasser, damit der unterdessen den ersten Band des „ Kapital** schreiben kann. Dazu müssen ungezählte Bücher gelesen werden, denn aus den Büchern lernt der Thalmudist die Welt kennen. Engels, der Barmer Fabrikantensohn, sah schon in frühester Jugend das Elend der arbeitenden Klasse. Der Heranwachsende war wohl in manche Schmiede oder Schusterwerkstatt getreten; „da sitzt der Meister, rechts neben ihm die Bibel, links, wenigstens sehr häufig, der Branntwein". Er kennt aus frühester Anschauung die Fabriken des Frühkapitalismus, „das Arbeiten in den niedrigen Räumen, wo die Leute mehr Kohlendampf und Staub einatmen als Sauerstoff, und das meistens schon von ihrem 6. Jahre än". Darin Bismarck ähnlich, steht hinter allen seinen Schriften immer die lebendige Anschauung, -während der abstrakte Systematiker Marx wohl den ersten Proletarier erst kennen lernte, nachdem er sich „zum theoretischen Verständnis der ganzen geschichtlichen Bewegung" der Arbeiterklasse auf dem Wege über Hegel, die radikalen deutschen Politiker und Philosophen, die Historiker der großen französischen Revolution und die großen Utopisten des Sozialismus emporgearbeitet hatte. Engels wird fast ungeduldig, als Marx sich immer noch nicht entschließen kann, das Buch fertig zu machen; aber er kennt ja seinen Marx. Solange der noch ein auf seinen gewaltigen Stoff bezügliches, ungelesenes Buch weiß, wird er nicht abschließen. Wie geläufig ist uns dieser Hang zum Buche und zu den Büchern! Wie bekannt die jüdische Eigenart, mehr auf die logische Ableitung, — more geometrico! — denn auf die lebendige Anschauung zu halten! Spinoza taucht vor uns auf und seine Briefe über Boyles Versuche über die Salpetersäure. Was uns heute von den Experimenten des Engländers so klar bewiesen erscheint, wird von Spinoza als unmöglich deduziert, aus den Eigenschaften heraus, welche die Materie „haben muß". Daß er übrigens auch den Pilpul beherrscht, wenn es nötig ist, hat Marx 12*