Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Karl Marx als Jude
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 181 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Karl Marx als Jude 181 Das Leiden der Welt entsprang nach seiner eben so gewaltigen wie gewaltsamen Abstraktion n u r aus der gegenwärtigen Vereinzelung des wirtschaftenden Menschen, zu welcher eine auf dem Privateigentum und dem Warenaustausch beruhende Gesellschaft führen mußte; „aber der Jude ist immer der Meinung, daß man schon hier unten die größtmöglichste Gerechtigkeit üben muß". Was also tun? Welchen Weg gehen? Zwei Wege waren da. Den einen waren die großen Utopisten des Sozialismus gegangen, den anderen Koheleth — und Anatole France. Die einen sehen das soziale Übel und hecken in ihrem Kopfe ein Rezept aus, die Krankheit zu heilen. Aber schonungslos geht die Weltgeschichte ihren Weg. Symptomatisch läßt sich an dem Übel herumkurieren. Solange aber die Ursache weiter besteht — Privateigentum, Warenaustausch, Mehrwertproduktion — muß der Utopist jämmerlich scheitern, wenn er sein Rezept „hinter dem Rücken der bürgerlichen Gesellschaft verwirklichen" will. Der andere Weg: Koheleth lehrt, daß dies wie alles menschliche Tun nichtig sei, und Wehen des Windes und was gestern gewesen, das ist es, was morgen sein wird. Anatole France läßt die Engel rebellieren gegen den göttlichen Usurpator Jaldaboath. Aber vor der Entscheidungsschlacht gibt Satan den Kampf auf, „denn der Krieg gebiert den Krieg und der Sieg die Niederlage". Begnügen wir uns, in uns selbst die böse Welt zu bekämpfen. Die bestehenden Machtverhältnisse unter den Menschen kann man vielleicht ändern, aber immer wird der Mensch Macht haben über den Menschen, und der Sieg von heute die Niederlage von morgen gebären. Dieser zweite Weg war dem Kämpfer Marx in tiefster Seele verhaßt; der wäre für ihn Selbstmord gewesen, und so erfand er den dritten. Die unabänderlichen Gesetze der dialektischen weltgeschichtlichen Entwicklung müssen das von ihm so heiß gewünschte Ziel der Emanzipation des Menschen bringen. Der jetzige Klassenkampf wird der letzte sein. In der nach ihm kommenden Gesellschaft der Zukunft wird es kein Privateigentum und keine Klassen mehr geben. „Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert." Und Jesus von Nazareth sprach (Markus 13,28): „An dem Feigenbaum lernet ein Gleichnis: wenn jetzt seine Zweige saftig werden und Blätter gewinnen, so wisset ihr, daß der Sommer nahe ist. Also auch wenn ihr sehet, daß solches geschieht, so wisset, daß es nahe vor der Tür steht. Wahrlich, ich sage euch, dies Geschlecht wird nicht vergehen, bis das dieß alles geschehe. . . . Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel nicht im Himmel, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater. Sehet zu, wachet und betet, denn ihr wisset nicht, wann es Zeit ist... . Was ich aber euch sage, das sage ich allen: wachet!"