Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Karl Marx als Jude
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 178 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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j7» E. J. Lesser: religiöse Auge des Christen" war. Er haßt den Juden vielmehr, weil er irt ihm den kapitalistischen Menschen der bürgerlichen Gesellschaft in Reinkultur sieht. Von dieser Gesellschaft hat er später nachgewiesen, daß die einzelnen Individuen in ihr keine anderen Beziehungen zueinander kennen, als die zwischen Warenbesitzern, die ihre Waren untereinander tauschen. Sie ist das einzige Übel, das Marx in dieser Welt zu kennen scheint. Der Jude fühlt sich wohl in der bürgerlichen Gesellschaft. Er versteht es, die rasch wechselnden Tausch chancen am besten auszunutzen, er muß sie ausnutzen — und das ist die einzige Stelle, in der wir Marx zustimmen, können — wenn er sich auf „jüdische Weise emanzipieren" will. Indem er nämlich mit dem Geld auch die Macht erwirbt, welche das Geld in der heutigen Gesellschaft seinem Besitzer verleiht, in der, anders als bei Soliman^ „der reichere Jude immer der bessere ist". Aber sind und waren denn immer alle Juden von diesem Geiste des Kapitalismus — und dazu noch des irrationalen, des Beutekapitalismus, wie Max Weber sagen würde — besessen? Und stimmt dieser Geist wirklich mit dem „Geist des Judentums" überein, wenn wir diesen sehr vieldeutigen Begriff hier einführen sollen, der in. den verschiedenen Wirtschafts- und Geschichtsepochen sich so verändert daß Jesaia, wenn er in eine heutige Synagoge treten könnte, sich wohl mit kräftigem Fluche von dannen heben würde. Wie vertragen sich mit diesem Feuerbach - Marxschen Schema vom Judentum als dem Prinzip des Egoismus die, wie wir heute sagen würden, sozialen Forderungen des* „grund- und bodenlosen Gesetzes" (man denke etwa an das Halljahr). Wie"die Glaubensmärtyrer des Mittelalters? Wie die ungezählten Gelehrten,, deren Stoff zuerst Bibel, Mischnah und Thalmud war, dann aber die gesamte Wissenschaft von der Natur und dem Menschen. Wie endlich das ganze Wesen von Karl Marx selber, in dem der Übertritt zum Christentum das Erbgut von „Generationen von Rabbinern" nicht verwässern konnte, dessen empirischen Charakter, Weltauffassung, Arbeitsweise und Lebensführung nur der versteht, der die Beschaffenheit der Menschen kennt,, deren einziger Lebenszweck es ist, Thalmud zu lernen. Alle die neuerenjüdischen Gelehrten, mögen sie an die letzten Fragen von Raum und Zeit rühren, oder die Prozesse im arbeitenden Muskel verfolgen, mögen sie die Ethik more geometrico ableiten, oder von der Kritik der politischen Ökonomie handeln, sie lernen immer noch Thalmud, wenn auch ihr Stoff sich wandelte, und ihre Methoden andere geworden sind. Zum Unterschied von den echten, von denen sie physisch wie psychisch abstammen, nenne ich sie die „jenseitigen Thalmudisten". Thalmide chachamim bleiben sie, wenn auch ihr Stoff „jenseits des Thalmud" liegt. Baruch de Espinoza ist der geistige Vater von allen, wenn ihn auch viele nicht mehr kennen mögen. Wir aber erinnern uns dabei, daß einst Kanaan unsere Väter und Vorväter „die Jenseitigen" nannte, denn von jenseits des Jarden sind wir gekommen. Nur wer weiß, daß der Jude Karl Marx ein „jenseitiger Thalmudist" war, wird diesen Mann begreifen können, der einem Jahrhundert den Stempel seines Geistes aufdrückte. Wie soll ein deutscher Professor einen Mann