Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Karl Marx als Jude
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 177 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Karl Marx als Jude 177 Bewußtsein würde wie ein fader Dunst in der wirklichen Luft der Gesell« Schaft sich auflösen." Erstaunt fragt sich der Leser, wie die Juden es dann fertiggebracht haben, jene Periode des römischen Imperiums, die im 3. Jahrhundert beginnt, in der die Geldwirtschaft verfällt und in der man zur Naturalwirtschaft zurückkehrt, ohne jedes Zeichen von Schwäche oder Niedergang zu überstehen. Ebenso erstaunt wird er sein, wenn er auf den nächsten Seiten belehrt wird, daß „abstrakt in der jüdischen Religion die Verachtung der Geschichte" läge. Und wir waren immer der Meinung, daß der Ewige, der Herr der Heer scharen, der Gott der Weltgeschichte sei, der zu Zeiten Baraks und der Debora ganz persönlich sich aufmacht, um in der Schlacht, die das Schicksal Palästinas entscheidet, zu unseren Gunsten einzugreifen. Und später pfeift er den Assyrer her von den Enden der Erde, um uns zu bestrafen, schickt er Cyrus gegen Babylon zu unserer Rettung. Wir waren der Meinung, daß der Prophet sich entzündete an den politischen Schicksalen seines Volkes, seine Sendung bewies er dadurch, daß er dem Volke die Deutung der Weltgeschichte geben konnte, als des ewigen Prozesses zwischen Gott und seinem Volk und dem Volk und seinem Gotte. Wer wie Marx über Juden und Judentum schreibt, indem er eines Philosophen These immer und immer wieder wiederholt, in allen möglichen Abwandlungen und Antithesen — ,,der Wechsel ist der wirkliche Gott des Juden, sein Gott ist nur der illusorische Wechsel" — der hat nie Zeit gefunden, Juden und jüdische Religion zu studieren, weil er niemals irgendwelches Interesse dafür gehabt hat. Wenn er einmal (im „18. Brumaire des Louis Napoleon") eine Reminiszenz aus der jüdischen Geschichte bringt, zeigt er sofort seine Unkenntnis. Aus dem Richter Samuel, dem „charismatischen Seher", wie Max Weber sagen würde, macht Marx einen Hohenpriester, den es natürlich erst geben konnte, nachdem wir Jerusalem erobsrt, verloren und wiedererhalten hatten, nachdem der Tempel erbaut, zerstört und wieder erbaut war, und eine spezialistisch ausgebildete, priesterliche Bürokratie sich gebildet hatte. Diesen selben Samuel läßt Marx, an einer anderen Stelle der gleichen Schrift, den Platz e innehmen, den in der heutigen katholischen Kirche der Papst einnimmt. Neben der Unkenntnis der jüdischen Geschichte und Religion, die dadurch nicht besser wird, daß eines Philosophen Meinung über das Judentum unbesehen als richtig übernommen wird, offenbart der junge Marx auf den letzten Seiten seiner Schrift über die Judenfrage noch ein anderes: eine tiefe, bis zum Haß gehende Abneigung gegen die Juden der Gegenwart. Nach Marx erreicht das Judentum seinen Höhepunkt mit der Vollendung der bürgerlichen Gesellschaft, also mit dem Zeitalter der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, in der „durch den Juden ^nd ohne ihn" das Geld zur Weltmacht und „der praktische Judengeist zum praktischen Geist der christlichen Völker geworden ist." Er haßt also im Juden primär nicht den Juden, wie es die heutigen nationalistischen Judenfeinde tun, weil der Jude fremdstämmig, d. h. anders ist als sie selber und deshalb immer ein stummer Vorwurf für sie bleiben muß, wie früher ■das Bestehen der jüdischen Religion „eine beleidigende Tatsache für das Heft23J 12