Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1923-01-01 · Heft 3 · p. 176

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 3
Article
Karl Marx als Jude
Date
1923-01-01
Page
176 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3101111-3101201-3101205-3109002--6869-3109065
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

176 E. J. Lesser : des Mangels ist verschwunden, der die Quelle der Religion ist. Also auch die Religion und damit die Judenfrage. Der wirkliche, empirische Jude wird darauf antworten, daß ihn das sehr wenig interessiert. Ob seine Emanzipation, die ihn zum Staatsbürger jüdischen Glaubens machen soll, auch die allgemein menschliche Emanzipation darstelle, sei ihm sehr gleichgültig. Denn diese allgemein menschliche Emanzipation wird, wie er als kühler Rechner dem jungen Feuerkopf entgegenhalten muß, erst „in späten Tagen" erfolgen. Bis dahin aber wird der Messias gekommen sein. Ja vielleicht ist das, was Marx mit der menschlichen Emanzipation meint, von der kommenden Welt" garnicht so sehr verschieden. Solange auf seine Emanzipation zu warten, hat aber selbst der fromme Jude keine Zeit. Obwohl er sich damit die Verachtung Marx zuziehen muß, ist er — zunächst wenigstens — mit der politischen Emanzipation zum Staatsbürger jüdischen Glaubens zufrieden, d. h., wenn er sie bekommt. Die beiden können sich daher nicht einigen; was dem einen die Hauptsache der politischen Bewegung des Tages ist, interessiert den anderen gar nicht. Und das Ergebnis des ersten Teiles von Marxens Schrift „Zur Judenfrage" ist für uns dieses: Das Judenproblem ist für Marx ein nebensächliches, untergeordnetes. Überflüssig, deswegen im politischen Kampf auch nur die Hand zu rühren. Es sterbe mit dem .sterbenden Privateigentum auch der Staat ab, es organisiere der Mensch seine individuellen Kräfte gesellschaftlich. Dann müssen die Religionen ja von selbst verschwinden. Und das wird sehr bald sein, die soziale Revolution, das Jahr 1848 steht vor der Tür, und die Judenfrage löst sich auf ,,in die allgemeine Frage der Zeit". Im zweiten Teil der Schrift weist Marx zunächst nach, daß Bauer, wenn er über die Fähigkeit der heutigen Juden und Christen freizuwerden, spricht, eigentlich in seiner theologischen Befangenheit etwas ganz anderes untersucht. Nämlich die Frage: Was macht den Menschen freier, die Negation des Judentums, oder die Negation des Christentums; denn daß die Religion vom freien Menschen negiert werden muß, ist doch wohl selbstverständlich. Auf dieses theologische Gebiet will Marx Bauer nicht folgen. Er fragt statt dessen: Welches gesellschaftliche Element ist zu überwinden, um das Judentum aufzuheben? Statt der Frage, was ist die Folge einer Judenemanzipation, stehen wir also ganz unvermittelt vor der Frage: Wie kann das Judentum aufgehoben werden? Warum soll es denn — gegen den Willen der am meisten Beteiligten, der Juden selber — aufgehoben werden? Weil Marx über das Judentum genau Bescheid weiß, er hat ja Feuerbach gelesen. Der aber sagte: „Das Prinzip der Juden, ihr Gott, ist das praktischste Prinzip der Welt — der Egoismus in der Form der Religion." Fast wörtlich dasselbe sagt Marx, als er es unternimmt, das Geheimnis der jüdischen Religion im wirklichen Juden nach Feuerbachscher Methode zu entdecken. „Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus der Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld." In einer Gesellschaft ohne Schacher wäre der Jude unmöglich. „Sein religiöses

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.