Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1923-01-01 · Heft 3 · p. 172

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 3
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1923-01-01
Page
172 (sequence 25)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101201-3101205-3109001--6863-3109061
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

172 Arjeh Tartakower: Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus getötet wurde. Schließlich ging das Treiben der Anarchisten doch zu weit. Die sozialistischen Arbeiter, die schon vorher ihrer Entrüstung klaren Ausdruck gegeben und das Vorgehen der Anarchisten offen als Banditismus bezeichnet hatten, begannen mit größter Entschiedenheit gegen sie aufzutreten. Doch brach die Macht der Anarchisten erst gegen das Ende des Jahres 1906 nach einem mißlungenen Streik in den Spinnereien zusammen, der durch sie organisiert worden war. Ein Teil wurde verhaftet, ein anderer verließ die Stadt, andere wiederum schreckten vor dem gesellschaftlichen Boykott, der gegen sie verhängt worden war, zurück und gaben die weitere Tätigkeit auf. Die traurigen Bialystoker Ereignisse machten alle sozialistischen Parteien auf die Gefahren aufmerksam, die seitens der anarchistischen Bewegung drohten. Ein entschiedener Kampf gegen die anarchistischen Tendenzen wurde aufgenommen, der sie auch nach Ablauf einer gewissen Zeit zum Verschwinden brachte. So hörte denn der Anarchismus als eine organisierte Bewegung bereits vor dem Jahre 1910 auf, obwohl er noch in der Folgezeit sporadisch hier und da auftauchte. Die Unterdrückung dieser Bewegung, deren ideologische Tätigkeit sich in der Bekämpfung der Gewerkschaftsbewegung erschöpfte und deren „Propaganda der Tat" die ganze jüdische Arbeiterbewegung zu diskreditieren drohte, gehört mit zu den größten Verdiensten des jüdischen Sozialismus. Mit anderen Bewegungen innerhalb der jüdischen Arbeiterschaft hatte sich der jüdische Sozialismus bis zum Ausbruch des Weltkriegs nicht auseinanderzusetzen. Eine jüdische Arbeitergenossenschaftsbewegung gab es in dieser Periode in Europa und in Amerika überhaupt nicht. Es wurde auch kein ernsthafter Versuch gemacht, sie ins Leben zu rufen, obwohl man die wunderschöne Entwicklung des Arbeiterkonsumvereinswesens in England und Deutschland, wie auch die starke Entwicklung des Kreditgenossenschaftswesens in der jüdischen Gasse in Rußland unter dem Mittelstand vor den Augen hatte. Gegen die einzige Art von Genossenschaften, die für die jüdischen Arbeiter in Betracht kam und für die man auch bei der Arbeiterschaft anderer Völker Vorbilder hatte, das Konsumgenossenschaftswesen, wurden allerlei Einwände erhoben. Man wies erstens darauf hin, daß man den jüdischen Händlerstand, der in Rußland durch die Boykottbewegung und die Entwicklung des Konsumgenossenschaftswesens unter der nichtjüdischen Bevölkerung ohnehin schwer geschädigt war, nicht ruinieren dürfe. Man bewies des weiteren, daß die Profite der Kleinhändler durch <üe scharfe gegenseitige Konkurrenz so sehr gesunken seien, daß der Aufbau des jüdischen Arbeiterkonsumgenossenschaftswesens nicht mehr wesentlich zur Verbilligung von Lebensmitteln und Gegenständen des täglichen Bedarfs werde beitragen können. Man wies darauf hin, daß die Mehrzahl der jüdischen Arbeiter ledig sei, keine eigene Wirtschaft führe und daher von der Konsumgenossenschaftsbewegung nur wenig Nutzen haben werde. Schließlich machten sich auch Bedenken geltend, ob man die ohnehin nicht allzustarken Kräfte der jüdischen Arbeiterbewegung durch die Arbeit am Ausbau der Konsumgenossenschaften, deren sozia-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.