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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 3 · p. 171

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 3
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1923-01-01
Page
171 (sequence 24)
Language
German
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 171 herauszugeben, das sich sehr gut entwickelte und viele Leser fand. Auch hier sahen die Anarchisten ihre Hauptaufgabe in der Bekämpfung der jüdischen Gewerkschaftsbewegung, trafen aber rasch auf den entschlossenen Widerstand seitens der Sozialisten. Zum offenen Bruch zwischen den beiden Richtungen kam es bei der ersten jüdisch-sozialistischen Konferenz im Jahre 1899, unc* zwar gerade wegen der Gewerkschaftsbewegung. Die Anarchisten begründeten nunmehr eine eigene Organisation und begannen öffentlich gegen die sozialistische Bewegung aufzutreten. Sie unterstützten daher auch diejenigen Gewerkschaften, die sich gegen das enge Zusammenarbeiten mit den Sozialisten aussprachen. Es begann die Periode der öffentlichen Debatten, die von beiden Seiten sehr heftig geführt wurden. Doch begann der Einfluß der Anarchisten im Lauf der Zeit abzunehmen, wozu insbesondere einerseits die rasche Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung beitrug, anderseits die Entstehung der zahlreichen jüdisch-sozialistischen Parteien, die, untereinander sich bekämpfend, in der Verdammung des Anarchismus völlig einig waren« Die ungeahnt rasche Entwicklung des „Arbeiterring'' und die Entstehung der mächtigen Gewerkschaften der Schneiderarbeiter waren ein deutlicher Beweis für den immer weiter fortschreitenden Niedergang der anarchistischen Bewegung. Viel schlimmer war die Agitation der Anarchisten in Rußland, wo sie zur „Propaganda der Tat" in ihrer traurigsten Form schritten. Auch da entstand die anarchistische Bewegung fast zugleich mit der sozialistischen. Anarchistische Tendenzen machten sich in der Entwicklung des „Bund** ziemlich oft geltend. Zu einer organisierten Bewegung wuchs jedoch der Anarchismus erst in den Stürmen der Revolutionsperiode der Jahre 1905 bis 1906 empor. Das Zentrum der Bewegung wurde Bialystok, dessen Einwohnerschaft lange Zeit durch das Treiben der Anarchisten in Schreck versetzt wurde. Von Bialystok aus verpflanzte sich der Anarchismus in die anderen Gegenden, aber charakteristischer Weise nur in der Tscherta und nur unter der jüdischen Bevölkerung. Man schreckte so ziemlich vor keiner Gewalttat zurück. Diebstähle und Plünderungen (auch in privaten Wohnungen), durch die wissenschaftliche Bezeichnung „Expropriationen" beschönigt, waren an der Tagesordnung. Man zwäng die Unternehmer unter Androhung von physischer Gewalt, Arbeiter anzustellen, und, da für sie keine Arbeit da war, ihnen einen Abfertigungslohn von mehreren Monaten zu bezahlen. Dabei war die Angst vor den Anarchisten so .groß, daß man sie nicht einmal der Polizei anzuzeigen wagte. Der Folgen dieses Treibens waren die denkbar traurigsten. Eine Reihe von Unternehmern verließ die Stadt, in der sie sich nicht mehr ihres Lebens sicher fühlten, andere sperrten ihre Unternehmungen, was für den größten Teil der Bialystoker jüdischen Arbeiterschaft Arbeitslosigkeit und mit ihr verbunden Not und, Elend bedeutete. Dabei schreckten die Anarchisten vor öffentlichen Gewalttaten nicht zurück. Im Sommer des Jahres 1905 wurde durch sie auf der Bialystoker Arbeiterbörse eine Bombe geschleudert, durch die eine Anzahl von Personen (hierunter auch die Bundistin Ester Riskind)

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