Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 173 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101205-3109001--6864-3109062- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
E. J. Lesser: Karl Marx als Jude 173 listischer Wert zweifelhaft sei, in Anspruch nehmen dürfe. Angesichts einer derartigen Stimmung konnte von einer energischen Tätigkeit in dieser Hinsicht nicht die Rede sein, obwohl es an Stimmen nicht fehlte, die trotz aller Bedenken zur Gründung von Konsumgenossenschaften aufforderten. Die zwei oder drei jüdischen Arbeiterkonsumgenossenschaften, <üe vor dem Krieg in Rußland entstanden, führten ein Schattendasein, umsomehr, als sie sofort nach ihrem Entstehen von der jüdischen Händlerschaft auf das heftigste bekämpft wurden, die sogar vor Denunziationen nicht zurückschreckte. Das übrige tat dann die Verfolgung seitens der Behörden» Erst die schweren Prüfungen der Kriegsjahre sollten das nötige Verständnis für die Bedeutung des Konsumgenössenschaftswesens unter der jüdischen Arbeiterschaft hervorrufen und den großen Ausbau des Konsumgenössenschaftswesens durch die jüdischen sozialistischen Parteien mit sich bringen» E. J. LESSER / KARL MARX ALS JUDE Uber Karl Marx als Juden zu sprechen scheint eine sehr einfache Sache zu sein. Seine beiden Eltern waren Juden; sein Großvater, zwei seiner Oheime Rabbinen; unter den Vorfahren seiner Mutter, Henriette Preßburg, einer holländischen Jüdin, fand sich ebenfalls eine jahrhundertelange Reihe von Rabbinen. Als Marx 6 Jahre alt war (1824), trat sein Vater Hirsqhel Marx, Advokatanwalt in Trier, mit seiner ganzen Familie zum Christentum über, obwohl der Vater des Hirschel Marx, Marx Levi in der gleichen Stadt Rabbiner gewesen war und sein Sohn Samuel, Karl Marx' Onkel, ihm im Amte nachgefolgt war. Der Übertritt zum Christentum bedeutete damals noch nicht viel. Ludwig Börne und Heinrich Heine hatten „den Taufzettel als Entreebillet zur westeuropäischen Kultur" erworben; sie fühlten, dachten und schrieben deshalb doch ihr Leben lang als gute Juden, trotz Heines gelegentlicher Klage über: Das tausendjährige Familienübel, Die aus dem Niltal mitgeschleppte Plage, Den altägyptisch ungesunden Glauben. Bei Marx hat dieser in früher Jugend vollzogene Glaubenswechsel eine tiefergehende Bedeutung gehabt. Er, der so außerordentlich fruchtbare Schriftsteller hat sich in seinem arbeitsreichen Leben über das Judenproblem nur einmal zusammenhängend geäußert, das beste Zeichen, daß die Judenfrage für ihn persönlich kein tieferes Interesse hätte. Er hätte nie vor eine Schrift das Motto gesetzt, das Lassalle sich für seine erste preußisch-politische Arbeit erwählte: flectere si nequeo superos, acheronta movebo. Das Ressentiment des Juden, der irgendwie unter der Herkunft aus „dem Paria v o 1 k e" leidet, war Marx im Gegensatz zu Lassalle völlig