Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 170 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Arjeh Tartakower: Bewegung so viel Anhänger zu gewinnen vermocht, wie bei den Juden, und bei keinem anderen Volk wurde es schwieriger, dieser Bewegung Herr zu werden und sie aus den Organisationen der Arbeiterschaft herauszudrängen. Diese augenfällige Tatsache wartet noch bis zum heutigen Tage auf eine genügende Erklärung. Das Richtige wird wohl sein, diese auch hier in den Tatsachen des Wirtschaftslebens zu suchen. Bei keiner anderen Arbeiterschaft war die Ungewißheit des Morgen, die chronische Arbeitslosigkeit und schließlich auch der ständige Prozentsatz der Arbeitslosen so groß wie bei den Juden. Bei keinem anderen Volk wurde auch die Ausbeutung schlimmer getrieben, und waren dabei die Organisierungsmöglichkeiten geringer als bei den Juden. In dieser Atmosphäre der ständigen Unsicherheit und Furcht vor Arbeitslosigkeit, des Bewußtseins des Ausgebeutetseins und der eigenen Ohnmacht fand der Anarchismus einen trefflichen Nährboden. So entstand er denn fast gleichzeitig mit der sozialistischen Bewegung, in einigen Fällen sogar noch vor ihr. Seine Tätigkeit in der jüdischen Gasse war rein destruktiv und erschwerte den auch ohnehin nicht leichten Prozeß der Organisierung der jüdischen Arbeiterschaft ganz bedeutend. Insbesondere hatte die jüdische Gewerkschaftsbewegung viel unter der zersetzenden Propaganda der Anarchisten zu leiden, die die Wucht ihrer Argumente hauptsächlich gegen sie als ein unnützes Palliativmittel wandten. So tauchten die jüdischen Anarchisten in England bereits um die Mitte der 80 er Jahre auf, also zu einer Zeit, wo die durch die Propaganda der ersten jüdischen Sozialisten ins Leben gerufenen Gewefbevereine sich zu entwickeln begannen. In zahllosen Versammlungen, durch Flugschriften und Broschüren, wurde die jüdische Arbeiterschaft gegen die Gewerkschaftsidee und gegen die Idee der Streiks als opportunistische und .anti revolutionäre aufgehetzt. Dabei hatte die schwache jüdische sozialistische Bewegung in England weder Kraft noch Mut genug, offen den Anarchisten <ien Kampf zu erklären. Die einzige jüdische sozialistische Zeitschrift in England, der „Arbajterfrajnd" (begründet durch Morris Wintschewski im Jahre 1885 und eine Zeit lang redigiert von dem begabten Journalisten Philipp Kranz, der dann die Redaktion des „Abendblatt" in Amerika übernahm), wurde gar gemeinsam von Sozialisten und Anarchisten herausgegeben. Erst im Jahre 1891 kam es zu einer Spaltung zwischen den Sozialisten und den Anarchisten, doch behielten die Anarchisten lange Zeit die Oberhand. Der „Arbajterfrajnd*' wurde nunmehr von ihnen herausgegeben und bekämpfte in heftigster Weise nicht nur die Gewerkschaftsbewegung, sondern auch den jüdischnationalen Gedanken, der sich damals zu regen begann. Hingegen kam es in Amerika rasch zum offenen Bruch zwischen den beiden Parteien (sofern man die Anarchisten als eine Partei bezeichnen kann). Auch dort setzte die anarchistische Bewegung zugleich mit der sozialistischen ein und hatte sogar eine Zeit lang die Oberhand. Der bereits erwähnte, im Jahre 1882 begründete „Propaganda- Verein" hatte einen mehr anarchistischen als sozialistischen Charakter. Die Anarchisten begannen, ein eigenes Wochenblatt, die „Wahrheit",