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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 3 · p. 169

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 3
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1923-01-01
Page
169 (sequence 22)
Language
German
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus wie der Arbeiterring. Knapp vor Ausbruch des Weltkriegs hatte er im ganzen 2500 Mitglieder und ein angesammeltes Kapital von 13 000 Dollar, während die Anzahl der Mitglieder des ,,A.-R." damals bereits 50 00a betrug, der also auf diesem Gebiete auch weiterhin die führende Organisation blieb. So zeitigte denn die judische Arbeiterbewegung in Amerika eine eigentümliche Erscheinung: Die mächtige Entwicklung einer jüdischen sozialistischen Presse (bereits im Jahre 1910 baute sich der „Vorwärts" für 350 000 Dollar in New-York ein eigenes Gebäude von 10 Stockwerken, er war schon zu jener Zeit die größte jüdische Zeitung überhaupt und dazu die größte Arbeiterzeitung der Welt, die ihre Abonnenten nach Zehntausenden und ihre Leser nach Hunderttausenden zählte), und das Wachstum der jüdischen Gewerkschaftsbewegung und der jüdischen Selbsthilfeorganisationen der Arbeiter, die in einem mehr oder minder engen Kontakt miteinander und mit der jüdischen sozialistischen Bewegung standen. Sie selber jedoch, obwohl sie alle diese Organisationen ins Leben gerufen hatte, entwickelte sich viel schwächer und spielte bereits vor dem Ausbruch des Weltkriegs gegenüber diesen drei mächtigen Faktoren in der jüdischen Arbeiterbewegung in Amerika nur noch eine geringe Rolle. Die weitere Entwicklung sollte in derselben Richtung vor sich gehen, um so mehr, als nach Beendigung des Weltkriegs in der jüdischen sozialistischen Bewegung die Periode der endlosen Spaltungen begann. So hat sich denn die jüdische Gewerkschaftsbewegung, die überall durch die jüdischen sozialistischen Parteien ins Leben gerufen worden war und in den ersten Jahren ihrer Entwicklung entweder einen integralen Bestandteil dieser Parteien bildete oder doch in äußerst engem Kontakt mit ihnen, sich entwickelte, im Lauf der Zeit von ihnen losgelöst, um den Weg der Selbständigkeit zu betreten. Dieser Loslösungsprozeß hat sich in zwei Ländern der jüdischen Massenarbeit (England und Amerika) in dieser Periode bereits ganz vollzogen, in den beiden anderen (Rußland und Galizien) bereitete er sich vor, um dann im Lauf der nächsten Jahre, nach Überwindung mancher Schwierigkeiten, auszureifen. Doch hat diese Loslösung nie eine derartige Intensität wie etwa bei der englischen oder amerikanischen Arbeiterbewegung erreicht. Die jüdische Gewerkschaft blieb auch weiterhin eine klassenbewußte, radikale, wenn nicht geradezu sozialistische Organisation, die sich ihrer engen Verwandtschaft mit der politischen Partei tief bewußt blieb. So kann man denn diese Loslösung; bloß als eine organisatorische, keineswegs aber als eine ideologische bezeichnen. Ganz anders vollzog sich die Trennung zwischen der jüdisch-sozialistischen Bewegung und einer anderen, die in dieser Epoche einen sehr großen Anklang unter der jüdischen Arbeiterschaft fand und lange Zeit ebenso unauflöslich oder noch unauflöslicher mit der sozialistischen Bewegung verbunden war wie die Gewerkschaftsbewegung. Es war dies der Anarchismus. Bei keinem anderen Volk hat sich die anarchistische

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