Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 167 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101205-3109001--6858-3109056- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 167 auf den Einfluß der amerikanischen Verhältnisse, als auf den Druck der iatsächlich gefühlten Bedürfnisse zurückzuführen. In diesem Lande, wo ^es von den verschiedenstem Orden, Logen und wie all jene Selbsthilfe- und Versicherungsorganisationen sonst heißen mögen, geradezu wimmelte (und "bis zum heutigen Tage wimmelt), mußten auch die jüdischen Arbeiter auf <ien Gedanken kommen, eine eigene Selbsthilfeorganisation zu schaffen. An eine Kombinierurig derartiger Organisation mit der Gewerkschaft war angesichts der erwähnten Mentalität der jüdischen Arbeiter nicht zu denken. So entstanden denn besondere, zu diesem Zweck geschaffene Organisationen, deren weiterer Einfluß auf das jüdische Arbeiterleben in Amerika ein überaus großer werden sollte. Die ältere und bis zum heutigen Tage stärkste Selbsthilfeorganisation war der,,Arbeiter-Ring". Er wurde im Jahre 1901 begründet und entwickelte sich außerordentlich schnell. Allein in den fünf Jahren 1905—19x0 hat sich sowohl seine Mitgliederzahl als auch die Größe der "von ihm ausgezahlten Versicherungssummen verfünffacht. Im Jahre 1905 zählte er 6776 Mitglieder und zahlte 5000 Dollar an Versicherungssummen aus, im Jahre 1910 war die Mitgliederzahl bereits 38 866, die Höhe der ausgezahlten Versicherungssummen 28 600 Dollar. Die weitere Entwicklung ging, wenn auch nicht in gleich schnellem Tempo, so doch sehr rasch vor sich. Bereits vor dem Ausbruch des Weltkriegs wurde der „Arbeiter- Ring" die finanziell und organisatorisch mächtigste jüdische Arbeiterinstitution in Amerika. 1911 wurde ein eigenes Sanatorium für lungenkranke Mitglieder erbaut. Man begann an eigene Kulturarbeit zu denken, gab (seit 1911) ein eigenes Organ, den „Frajnd", heraus und unterstützte großzügig die allgemeine wie auch die jüdische sozialistische Bewegung, insbesondere den „Bund". Freilich ging auch diese großartige Entwicklung nicht ohne Störungen vor sich. Ein ernstes Hindernis für die Entwicklung des Arbeiter-Ring wurde seine Versicherungsmethode, die darauf beruhte, daß man, anstatt die Lasten von Anfang an gleichmäßig auf die Mitglieder aufzuteilen und so einen eisernen Fonds anzusammeln, aus dem «die in den späteren Jahren fälligen Versicherungssummen bestritten werden könnten, an dem System der alljährlichen Verteilung der tatsächlich aufgelaufenen Kosten festhielt. Dieses an sich schon unzweckmäßige System, <ias in Amerika mehrere Versicherungsgesellschaften zu Fall gebracht hatte, (da die Belastung nach Ablauf der ersten Honigjahre unerträglich ward), und daher durch die Gesetzgebung einiger Staaten verboten wurde, machte denv Arbeiter-Ring, der sich von seinem Zentrum in New-York aus immer weiter nach Westen und Süden ausbreitete, das legale Eindringen in diese Gegenden unmöglich. So kam es, daß sich in einem dieser Staaten, in Massachuset, schon nachdem dort Zweigniederlassungen des „Arbeiter-Ring" begründet worden waren, eine besondere Selbsthilfeorganisation der jüdischen Arbeiter unter derselben Bezeichnung bildete, <üe das Reservefondssystem zur Grundlage ihrer Tätigkeit machte. Ein bitterer Kampf zwischen den beiden Organisationen entbrannte, der jahrelang dauerte und zu den unerquicklichsten Erscheinungen in der Geschichte