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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 3 · p. 166

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 3
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1923-01-01
Page
166 (sequence 19)
Language
German
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z66 Arjeh Tartakower: werkschaftsbewegung zu schätzen, und obwohl eine jede Partei in ihrem Programm die Beeinflussung der Gewerkschaftsbewegung forderte, so wurde doch kein Versuch gemacht, eigene Gewerkschaften zu gründen. So waren die Jahre nach 1899 Jahre ununterbrochenen, raschen Wachstums der jüdischen Gewerkschaftsbewegung in Amerika. Allein in den Jahren 1906—1907 wurden 20 neue Gewerkschaften gegründet. Freilich dauerte es sehr lange, bis es gelang, gerade den wichtigsten jüdischen Produktionszweig, in dem auch die Ausbeutung am schlimmsten getrieben wurde, die Schneiderei, zu organisieren. Obwohl die Kleiderindustrie in Amerika und insbesondere in New-York als eine spezifisch jüdische Industrie galt, in der Tausende jüdischer Arbeiter Beschäftigung fanden, so wollte es doch lange Zeit nicht glücken, festorganisierte Gewerkvereine jüdischer Schneiderarbeiter ins Leben zu rufen. Die immer wieder gegründeten Vereine lösten sich immer wieder auf. Erst der große Streik der Damenschneiderarbeiter im Jahre 1910, der 13 Wochen dauerte und mit der Abfassung des berühmten, von Louis D. Brandeis ausgearbeiteten „Protokolls" endete, brachte die Gründung der starken Gewerkschaft der Damenschneiderarbeiter (Cloak-Maker-Union), die sich nicht mehr auflöste und, in ununterbrochenem Kampf mit den Unternehmern stehend, sich bis zum heutigen Tage immer kräftiger entwickelt hat. Daneben entstanden noch vier Gewerkschaften der Schneiderarbeiter, die sämtlich große Massen von Arbeitern heranzogen. 1912 brach ein großer Streik gegen das ,,Schwitzsystem" aus, der 100 000 Arbeiter umfaßte und mit einem vollen Sieg der Arbeiter endete. Da.s Schwitzsystem brach tatsächlich zusammen, unzählige kleine „Shops" mußten schließen. Immerhin blieb der Nachteil der Zersplitterung der Schneiderarbeiter in fünf Gewerkschaften bestehen, so daß sich bald das Bedürfnis der Vereinigung all dieser Gewerkschaften fühlbar machte. Indessen gelang es nicht, diesen wichtigen Plan in die Wirklichkeit umzusetzen. Die Entstehung der mächtigen Gewerkschaften der Schneider, die ihre Mitglieder bereits vor Ausbruch des Weltkrieges nach Zehntäusenden zu zählen begannen, bedeutete aber in einem gewissen Sinne eine Schwächung der V. J. G. Diese großen Gewerkschaften, die für sich allein über bedeutende Machtmittel verfügten, hatten tatsächlich von ihrer Zugehörigkeit zu der zentralen Organisation wenig Nutzen und nahmen ihre Hilfe nur selten in Anspruch. Immerhin blieb die formale Einheit der jüdischen Gewerkschaftsbewegung erhalten. Hatte die jüdische Gewerkschaftsbewegung wie in Europa, so auch in Amerika nur unmittelbare Kampfzwecke vor Augen, ohne für die Verbesserung der Lage der Arbeiter auch in anderer Hinsicht zu sorgen, so gelang es in Amerika, spezielle Organisationen ins Leben zu rufen, die die Sorge für die Arbeiter im Falle von Tod und Erkrankung übernahmen. Die Entstehung der Selbsthilfeorganisationen der jüdischen Arbeiter in Amerika ist, obwohl sie unter starker Förderung sowohl durch die Gewerkschaften als auch die politischen Parteien erfolgte, doch, wie schon erwähnt, mehr

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