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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 3 · p. 165

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 3
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1923-01-01
Page
165 (sequence 18)
Language
German
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 165 lieh jedoch wurde in der Hauptsache um die Herrschaft in der jüdischen sozialistischen Presse gekämpft, die bereits damals, im Gegensatz zu der organisierten sozialistischen Bewegung, eine Macht im jüdischen Leben darstellte und von großem Einfluß auf die jüdische Öffentlichkeit war. Das Organ der „ Jiddisch sprechenden Sozialisten", das täglich erscheinende „Abendblatt", das seit 1894 an Stelle des früheren Organs, der „Arbeiter- Zeitung" (begr. 1890) trat, befand sich in den Händen der Radikalen. Indessen gelang es den Oppositionisten, unter denen sich mehrere hervorragende Führer der jüdischen sozialistischen Bewegung (Kahan, Wintschewski, Feigenbaum) befanden, durch ihre mit größter Aufopferung geführte Agitation einen gewaltigen Enthusiasmus bei einem Teil von Arbeitern für ihre Sache zu wecken, sie zu großen materiellen Opfern zu veranlassen und ein eigenes Organ, den „Vorwärts" (seit April 1897), zu begründen. Das neue Blatt, dessen Redakteur Abraham Kahan wurde, machte sich dank seiner sehr weitgehenden Anpassung an den Geschmack der Masse bald äußerst populär und wurde zur bestfundierten und verbreitetsten jüdischen Tageszeitung in Amerika, deren sozialistischer Partei - charakter dabei allerdings fast ganz verloren ging. Auf ein derartiges Machtorgan gestützt, konnten die Oppositionisten zugleich mit dem Kampf um die Vorherrschaft in der jüdischen Bewegung auch den Kampf innerhalb der jüdischen Gewerkschaften aufnehmen. Die J. G. V. hatten im Kampf zwischen den „Radikalen" und den „Oppositionisten" auf der Seite der ersten gestanden. Der „Vorwärts" ging nun dazu über, eigene Gewerkschaften ins Leben zu rufen, die sich auch eine zentrale Organisation, die „Federated Hebrew Trades", schufen. Es entspann sich ein Bruderkampf unter den jüdischen Gewerkschaften, der beide Seiten bedeutend schwächte und es schließlich dazu brachte, daß den V. J. G. nur vier Gewerkschaften verblieben. Glücklicherweise dauerte dieser traurige Zustand nur bis zum Jahre 1899. In diesem Jahre erfolgte die Vereinigung der beiden Gewerkschaftszentralen, und die nunmehr einheitliche jüdische gewerkschaftliche Organisation gab, dem Beispiel der anderen amerikanischen Gewerkschaften folgend, die offizielle Verbindung mit der sozialistischen Partei, die ihr so gefährlich geworden war, auf und hielt sich seitdem an das Prinzip der strengen Neutralität bei den fortwährenden Kämpfen unter den jüdischen sozialistischen Parteien. Freilich behielt sie auch weiterhin ihre radikale klassenbewußte Richtung, hierin im Gegensatz stehend zu den allermeisten amerikanischen Gewerkschaften. Dieses Prinzip der Neutralität der Gewerkschaftsbewegung wurde nach anfänglichem Schwanken auch von den Sozialisten selbst anerkannt, wo sich schließlich die Überzeugung Bahn brach, daß die Gewerkschaft frei von jedem politischen Programm und offen für jeden Arbeiter sein solle und daß man nur bestrebt sein müsse, sie allmählich im sozialistischen Sinne zu beeinflussen, also ein Standpunkt, der demjenigen des „Bund" ähnlich war und auch in ihm fast um dieselbe Zeit (1905) zur Geltung gelangte. Die jüdischen sozialistischen Parteien in Amerika wußten seither die Einheitlichkeit der Ge-

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