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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 3 · p. 164

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 3
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1923-01-01
Page
164 (sequence 17)
Language
German
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164 Arjeh Tartakower: werden konnte. Sie ahmte in ihrem Verhältnisse zu den durch sie ins Leben gerufenen ersten jüdischen Gewerkvereinen, zu deren Gründung sie sich entschloß, weil die jüdischen Arbeiter in den allgemeinen Gewerkschaften keine Aufnahme fanden, getreu die allgemeine sozialistische Partei nach, die es damals allerdings mit einer sehr starken Gewerkschaftsbewegung zu tun hatte, und machte hierin dieselben Wandlungen durch wie jene. So waren denn diese ersten Gewerkschaften ganz von der Partei abhängig und standen unter ihrer Aufsicht. Sie entwickelten sich aber anfangs sehr langsam. Bis zum Jahre 1888 waren kaum drei Gewerkschaften gegründet, die zusammen 100 Mitglieder zählten und von denen nur eine auch Arbeiter aus dem weitaus wichtigsten Zweig der jüdischen Produktion Amerikas, aus der Bekleidungsbranche, umfaßte. Erst das Jahr 1888 brachte den großen Wendepunkt in der Geschichte der jüdischen Gewerkschaftsbewegung in Amerika: die Vereinigung der drei bestehenden jüdischen Gewerkschaften in eine zentrale Körperschaft, die , bereinigten Jüdischen Gewerkschaften" (V. J. G.), die nun mit großer Energie an den weiteren Ausbau der jüdischen Gewerkschaften schritt und aus der sich die bis zum heutigen Tage bedeutendste jüdische gewerkschaftliche Organisation herausbilden sollte. Bald zeigten sich die Wirkungen. Bereits im Jahre 1890 gab es etwa 30 jüdische Gewerkschaften. Im gleichen Jahre brachen auch die ersten organisierten Streiks der jüdischen Arbeiter aus. Die Mantelmacher, Sodawasserarbeiter, Bäckerarbeiter und andere streikten, das Bekleidungsgewerbe begann sich rasch zu organisieren. Allerdings erfolgte die weitere Entwicklung der V. J. G. nicht ohne bedeutende Störungen, deren unmittelbare Ursache ihr Verhältnis zu der jüdischen sozialistischen Bewegung war. Diese Bewegung war die unmittelbare Schöpferin der V. J. G. Der Gedanke stammte von einer jüdischen Zweigfiliale der damaligen sozialistischen Partei (der S. L. P.) und bei der Gründungskonferenz waren deren zwei Zweigfilialen (Brench 8 und 17) offiziell vertreten. So nahmen denn die V. J. G. regen Anteil an der jüdischen sozialistischen Bewegung, und nur einige Gewerkschaften der Bekleidungsbranche, die unter dem Einfluß der großen nichtsozialistischen amerikanischen Gewerkschaften standen, waren gegen jedwede politische Einstellung und wurden auch deswegen von den jüdischen Sozialisten bekämpft. Doch sollte den V. J. G. ihr enger Kontakt mit der sozialistischen Partei fast zum Verhängnis werden. Als sich die große Spaltung in der amerikanischen sozialistischen Bewegung vollzog, die zur Gründung einer neuen sozialistischen Partei, der ,,Radikalen" (der S. P,), führte (1897), wiederholte sich derselbe Vorgang (wenngleich aus mehr persönlichen Motiven) auch in der jüdischen sozialistischen Bewegung. Es entbrannte ein erbitterter Kampf zwischen den „Radikalen" und den „Oppositionisten" (so genannt, weil sie zuerst tatsächlich die Minderheit bildeten und daher in Opposition waren), in den auch die Gewerkschaften hereingezogen wurden. War doch einer der Hauptstreitpunkte die Frage, ob man besondere radikale Gewerkschaften zu bilden habe oder nicht. Tatsäch-

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