Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 163 (sequence 16)
- Language
- German
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 163 ihrer Mitglieder ging nach New-York und begründete wiederum eine kommunistische Wäscherei, die sich aber auch nur ganz kurze Zeit halten konnte. Schließlich gab man alle diese Versuche auf und ging dazu über, eine politische Bewegung zu schaffen. Bereits im Jahre 1882 wurde ein „Propaganda-Verein zur Verbreitung des sozialistischen Gedankens unter den Juden" begründet, dessen Mitglieder auch nach seiner bald erfolgten Auflösung ihre Agitation unermüdlich weiterführten. Es waren dies in der Hauptsache Intelligenzler, meist Studenten und Gymnasiasten, die die Prozentnorm aus Rußland vertrieben hatte und die gar kein Verhältnis zum Judentum besaßen. Das Ziel, das sie erstrebten, war möglichst große Annäherung und Anschluß an die allgemeine sozialistische Partei (die S. L. P. bezw. die S. P.). Das hauptsächlichste Hindernis auf dem Weg zu diesem Ziel war die völlige Unkenntnis der englischen Sprache unter den jüdischen Arbeitern, die nur jiddisch verstanden. So benützte man denn notgedrungen in der Agitation die jiddische Sprache, nannte sich „Jiddisch sprechende Sozialisten" und sah darin das einzige Unterscheidungsmerkmal gegenüber den anderen amerikanischen Sozialisten. Die ganze Tätigkeit wurde in einem ausgesprochenen assimilatorischen Geist geführt, man war bestrebt, diese Übergangsepoche des Jiddischismus möglichst abzukürzen, um sich dann ganz in die allgemeine Partei auflö sen zu können. Selbst die Schaffung eines speziellen jüdischen Agitationsbureaus, zu der man sich schließlich entschloß, wurde lediglich durch die Notwendigkeit motiviert, die Propaganda in jiddischer Sprache zu führen, wobei man sich freilich auch der Besonderheit der Agitationsformen unter den jüdischen Arbeitern bewußt blieb. Das Agitationsbureau sollte keineswegs als eine besondere jüdische sozialistische Organisation, sondern lediglich als ein technisches Bureau für allgemeine sozialistische Propaganda unter den jüdischen Arbeitern gelten. Erst der Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, als mit der großen Welle der jüdischen Emigranten aus Rußland auch viele Anhänger der dort entstandenen jüdischen sozialistischen Parteien (Bund> S. S., J. S., Poäle-Zion) hinüberkamen, die sich dort alle besondere Organisationen schufen, brachte in dieser Beziehung eine bedeutende Änderung. Der Einfluß des „Bund", der sich in Amerika gegen Ende des Jahres 1903 definitiv organisiert hatte und gegen Ende des Jahres 1905 sogar ein eigenes Organ, den „Wecker", herauszugeben begann, auf die jüdische sozialistische Bewegung wurde immer stärker und führte endlich im Jahre 1912 zur Umwandlung des bereits erwähnten jüdischen Agitationsbureaus in die „Jüdische Sozialistische Föderation" (J. S. F.) im Rahmen der allgemeinen sozialistischen Partei (der S. P.) deren Programm und innere Organisation derjenigen des „Bund" in Rußland ziemlich ähnlich war. Es ist klar, daß eine derartige offen assimilatorische sozialistische Bewegung, die noch dazu fortwährend mit den Anarchisten zu kämpfen hatte und außerdem dieselben inneren Wirrnisse mitmachte wie die allgemeine sozialistische Organisation in Amerika, von keinem positiven Einfluß auf die Entwicklung einer jüdischen Gewerkschaftsbewegung in Amerika 11*