Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 162 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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XÖ2 Arjeh Tartakower: Streik der Schneiderarbeiter im Jahre 1891 (5000 Teilnehmer) und ein dritter im Jahre 1906 mit 40000 Teilnehmern. Während die ersten zwei Streiks erfolglos verliefen, glückte es im letzten den Arbeitern einen, wenn auch nicht vollkommenen, Sieg zu erringen. Der Streik ist auch deswegen bedeutsam, weil es damals der Gewerkschaftsbewegung gelang, auch die Vorurteile der Arbeiterschaft zu überwinden und sozialpolitisch bedeutsame Forderungen aufzustellen. Von den vier Hauptforderungen der Streikenden: zwölf stündige Arbeitszeit (darum mußte damals noch gekämpft werden!) „ Beschäftigung nur von Gewerkvereinsmitgliedern, Tagarbeit anstatt Stücklohn und Anstellung von Arbeiterältesten (Stewards) in jeder Werkstatt,, die über die Durchführung der beiderseitig getroffenen Vereinbarungen wachen sollten, gelang es, die zwei ersten ganz, die beiden anderen teilweise, durchzuführen. Indessen löste sich auch nach diesem Streik die Gewerkschaft bald wieder auf. Die in der Folge sich bildenden lokalen Gewerkvereine traten in ihrer überwiegenden Mehrheit in die allgemeine konservative Fachgewerkschaft der englischen Schneiderarbeiter ein, in der sie sich jedoch ebenso schlecht fühlten, wie die jüdischen Gewerkvereine in Galizien im Verband der österreichischen Gewerkschaften, da auch hier kein Verständnis für die spezifischen Bedingungen, unter denen das jüdische Proletariat arbeitete, zu finden war. Die jüdischen Arbeiter litten außerdem viel infolge der äußerst straffen Zentralisierung der Gewerkschaft- Für jeden, auch rein lokalen, Streik war die Genehmigung der Zentrale notwendig, und bei der bureaukratischen Art der Erledigung aller Angelegenheiten dauerte es oft wochenlang, bis eine derartige Genehmigung: da war, meist zu spät, um eine Erfolg versprechende Lohnaktion noch zu ermöglichen. Daher kam es manchmal vor, daß man den Streik proklamierte,, ohne die Genehmigung abzuwarten, was eine Quelle endloser Reibereien wurde und die Bewegung noch mehr schwächte. So stellte denn die jüdische Gewerkschaftsbewegung in England, innerlich schwach und äußerst desorganisiert, ein sehr trostloses Bild dar. Ganz anders gestaltete sich die jüdische Gewerkschaftsbewegung in Amerika. Auch da war sie in der ersten Periode ihrer Entwicklung mit der Entwicklung der sozialistischen Partei verknüpft und ebenso schwach wie diese. Die kurz nach dem Einsetzen der großen Immigration nach dem Jahre 1881 auch zur Entwicklung gelangte sozialistische Bewegung unter den jüdischen Arbeitern in Amerika hatte allerdings mit dem Judentum 'wenig zu tun. Sie wurde durch die jüdischen Revolutionäre aus Rußland uns Leben gerufen, die sich bereits in Rußland zu diesem Zweck organisiert hatten. Aus manchen Städten (z. B. Odessa oder Wilna) gingen ganze revolutionäre Kreise nach Amerika hinüber. Aus der Kombination der sozialistischen Ideale mit dem Aufbau des neuen Lebens auf der anderen Seite des Ozeans gingen manche abenteuerlichen Pläne hervor. So gründeten die aus Odessa hinübergewanderten, in der Gesellschaft „Am-Olam" organisierten jüdischen Revolutionäre eine kommunistische Kolonie im Staat Oregon. Sie bestand einige Jahre und zerfiel dann. Ein großer Teil