Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 161 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101205-3109001--6852-3109050- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 161 mangelnde Verständnis für die Fragen der jüdischen Arbeit bei der Wiener -Zentrale, die Loslösung von ihr verlangten. Doch gelangte der Plan nicht zur Verwirklichung, und erst der Zusammenbruch der österreichischen Monarchie machte die jüdischen Gewerkschaften in Galizien selbständig, allerdings wiederum nur für eine kurze Zeit. Viel schlimmer als in Rußland und Galizien war es um die jüdische Gewerkschaftsbewegung in England bestellt, umsomehr als es hier, wo es keine starke jüdische sozialistische Partei gab, an dem lebendigen Kontakt zwischen Partei und Gewerkschaft fehlte, der in den beiden Ländern den Gewerkschaften den Hauptteil ihrer Kraft und ihres Ansehens verlieh. Allerdings entstand auch hier die jüdische Gewerkschaftsbewegung unter dem direkten Einfluß der sozialistischen Agitation und überlebte sogar ihren Schöpfer, den durch Liebermann ins Leben gerufenen jüdischen sozialistischen Verein. Indessen wollte es trotz der furchtbaren Lage des jüdischen Proletariats in England x) bis fast zum Ausbruch des Weltkriegs weder gelingen, eine dauernde Gewerkschaftsbewegung ins Leben zu rufen, noch auch ihr eine bedeutendere Ausdehnung zu verleihen. Von den über 150 000 jüdischen Schneiderarbeitern in England (das jüdische Proletariat dort ist fast ausschließlich Schneiderproletariat) waren in den besten Zeiten der Gewerkschaftsbewegung kaum 5000—6000 organisiert. Viel mehr als in den anderen Ländern stand hier der gewerkschaftlichen Organisierung der jüdischen Arbeiter ihre eigenartige psychologische Einstellung entgegen. Nur die allerwenigsten jüdischen Arbeiter sahen in England ihre neue Heimat. Für den Hauptteil war es das typische Durchzugsland, in dem es galt, soviel als möglich zu verdienen, um dann entweder nach Rußland zurückzukehren oder nach Amerika weiter zu ziehen. So hatte denn der jüdische Arbeiter nur geringes Interesse für eine menschenwürdige Ordnung der Arbeitsverhältnisse, ja, er war sogar oft dem Gedanken einer derartigen Ordnung feindlich gesinnt, sofern sie geeignet war, seinen Erwerbstrieb irgendwie zu hemmen. Aus diesem Grunde widersetzte man sich z. B. den Strebungen zur Normierung des Arbeitstages und zur Abschaffung <les Stücklohnsystems, der Hauptursache der übermäßigen Ausbeutung seitens «ier Unternehmer. Unter solchen Umständen konnte natürlich keine gesunde Gewerkschaftsbewegung gedeihen. Und fügt man noch hinzu, daß gerade in England von Seiten der jüdischen Anarchisten besonders heftig gegen das Gewerkschaftswesen überhaupt agitiert wurde, so wird man leicht verstehen, warum es, trotz immer wieder unternommener Versuche, nicht gelingen wollte, dauernde Gewerkschaften ins Leben zu rufen. Es bildeten sich fast ununterbrochen kleine Gewerkschaften, die sich in unbedeutenden Scharmützeln mit den Unternehmern erschöpften und ebenso rasch verschwanden, wie sie gebildet worden waren. Bis zum Ausbruch des Weltkriegs sind kaum drei größere Streiks der jüdischen Arbeiter zu verzeichnen: ein Streik der Schusterarbeiter im Jahre 1890 (10000 Teilnehmer), ein x) Vgl. den zweiten Abschnitt meiner Arbeit im „Juden", 1923, Nr. 10—11. Heft 3 II