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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 3 · p. 160

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 3
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1923-01-01
Page
160 (sequence 13)
Language
German
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i6o Arjeh Tartakower: die Lage der jüdischen Handwerker und Kleinindustriellen noch schlimmer als in Rußland, da sie infolge der starken und auf keine Weise behinderten Konkurrenz der Wiener (teilweise auch der tschechischen) Industrie viel mehr litten, als ihre Berufsgenossen auf der anderen Seite der Grenze. So war denn auch die Lohndrückerei das einzige Mittel der Unternehmer, sich über Wasser zu halten, und lange Jahre hindurch führte das jüdische Proletariat in Galizien, ökonomisch und kulturell ganz verwahrlost (90% der jüdischen Arbeiter in Galizien in den ersten Jahren des Jahrhunderts waren Analphabeten), ein jammervolles Dasein. Das Bewußtsein, daß man von der Zugehörigkeit zu den Gewerkvereinen der P. P. S. D. keinen größeren Nutzen habe, stellte sich rasch ein. Der erste Versuch, sich von dieser Abhängigkeit zu befreien und eine selbständige jüdische Gewerkschaftsorganisation zu schaffen, wurde durch die Poale-Zion kurz nach der Entstehung der Bewegung gemacht. Es wurde durch sie der „Allgemeine jüdische Arbeiterverband" ins Leben gerufen, dessen gewerkschaftlicher Charakter indes nicht ausgesprochen war, da es an einer Einteilung in Fachsektionen, also an einer gesunden Basis gewerkschaftlicher Tätigkeit mangelte. Somit war dieser Organisationsform keine lange Lebensdauer beschieden, und die Poale-Zion gaben kurz darauf den Versuch auf, eigene Gewerkvereine zu gründen, um ihn erst nach Schluß des Weltkriegs wieder aufzunehmen. Mehr Glück hatten die Z. P. S., die fast gleichzeitig mit ihrem Ausscheiden aus der polnischen sozialistischen Partei gleichfalls daran gingen, fast in allen größeren Städten eigene Gewerkvereine ins Leben zu rufen. Es gelang ihnen, einen bedeutenden Teil der jüdischen * Arbeiterschaft in diesen Vereinen zu konzentrieren. Indes stieß dieses Vorhaben auf den schärfsten Widerstand der Wiener Zentrale, die für den Gedanken der Bildung selbständiger jüdischer Gewerkvereine gar kein Verständnis hatte und darin einen unnötigen Separatismus sah. Den Z. P. S. wurde die Aufnahme ihrer Gewerkvereine in den allgemeinen österreichischen Gewerkschaftsverband rundweg verweigert, und es dauerte* lange Jahre, bis es gelang, diesen Beschluß rückgängig -zu machen. Aber auch in der Folge war das Verhältnis zwischen den jüdischen Gewerkschaften und der Wiener Zentrale sehr gespannt. Da das Unterstützungswesen bei den österreichischen Gewerkschaften zentralisiert war, so wurde von der Zentrale in dieser Beziehung eine sehr vorsichtige Politik geführt, und man entschloß sich schwer, einem Streik zuzustimmen, bevor alle anderen Mittel erschöpft waren und wenn das Ergebnis zweifelhaft erschien. Hingegen waren die unter dem starken Einfluß der Z. P. S. stehenden, also sehr klassenbewußten jüdischen Gewerkschaften nur allzu geneigt, recht häufig von dem Mittel des Streiks Gebrauch zu machen, mochte das Vorhaben oft auch gewagt erscheinen. So kam es denn oft zu Reibungen zwischen der Zentrale und den jüdischen Gewerkschaften, was auf beiden Seiten große Unzufriedenheit erregte. Obwohl den jüdischen Gewerkschaften ihre Zugehörigkeit zum Verband manche Vorteile brachte, so ertönten doch bereits vor dem Ausbruch des Weltkriegs einzelne Stimmen, die, unter Berufung auf das

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