Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 159 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 159die jüdischen Gewerkschaften in Rußland nicht nur ebenso zerklüftet und sich gegenseitig bekämpfend, wie es in den Revolutionsjähren der Fall war, sondern auch äußerst schwach und häufig mehr auf dem Papier als in der Wirklichkeit existierend. Im direkten Gegensatz. zu der jüdischen Gewerkschaftsbewegung in Rußland, die als eine Bewegung der jüdischen Arbeiter entstand und in der Folge den wenig gelungenen Versuch machte, internationale, lediglich bezüglich ihrer kulturellen Tätigkeit national gegliederte Gewerkschaften ins Leben zu rufen, entwickelte sich die jüdische Gewerkschaftsbewegung in Galizien. Sie geriet von allem Anfang an in internationale (in Wirklichkeit jedoch polnische) Organisationsformen und sollte erst später den Versuch machen, selbständig zu werden. Indes vollzog sich auch hier die Entwicklung im ständigen Kontakt und unter ständiger Beeinflussung durch die sozialistischen Parteien. Auch hier hatte die jüdische Gewerkschaftsbewegung bei ihrem Entstehen in den 90 er Jahren einen ausgesprochenen religiösen Charakter. Der erste jüdische Gewerkverein in Galizien war der Gewerkverein der Talessimweber in Kolomea, der auch den ersten Streik im Jahre 1892 organisierte. Der Verein hatte ein eigenes Bethaus, um nicht mit den Unternehmern zusammen beten zu müssen, in Fällen von Streikswurde bei der Thorah geschworen, daß man keine Arbeit annehmen werde und nach einem errungenen Sieg wurden zum Zeichen des Dankes Thorahrollen für das Bethaus gespendet. Auch die anderen Gewerkvereine, die sich kurz hierauf bildeten, hatten einen starken religiösen Anstrich, der sich *jedoch ebenso wie bei den ersten Gewerkvereinen in Rußland nach kurzer Zeit gänzlich verlor. All diese Vereine gerieten sehr bald unter den Einfluß der polnischen sozialistischen Partei (der P. P. S. D.), die damals in Galizien ihre professionellen Vereine ausbaute und naturgemäß bestrebt war, die ganze Arbeiterschaft in diesen zu vereinigen. So wandelten sich denn die jüdischen Gewerkvereine in jüdische Sektionen der professionellen Vereine der P. P. S* D# um, die ihrerseits an die Wiener Zentrale der österreichischen Gewerkschaften angeschlossen waren. Indessen hätte die jüdische Arbeiterschaft nur wenig Nutzen von einer derartigen Wandlung der Dinge. Die P.P. S. D. Gewerkvereine taten fast gar nichts, um die wirtschaftliche Lage ihrer jüdischen Mitglieder zu heben und konnten das auch nicht, da ihnen das Verständnis für die Eigenart der jüdischen Produktionsverhältnisse m Galizien gänzlich abging. Tatsächlich waren diese Verhältnisse fast dieselben wie in Rußland. Auch hier war die kleine Werkstätte der Typua der jüdischen gewerblichen Produktion. Nach der österreichischen Volkszählung des Jahres 1910 gab es unter den Juden in Galizien auf 100 Berufstätige 42 selbständige Unternehmer und 34 Arbeiter. In der Industrie und im Handwerk entfielen auf je 1000 Selbständige 1027 Arbeiter und ■Lehrlinge. Es kann kaum einen eklatanteren Beweis für die Kleinheit <jer Produktion geben, in der die jüdische Arbeiterschaft in Galizien (nach erselben Volkszählung war sie 26 935 Personen stark, insgesamt gab es aittals in Galizien 52 979 jüdische Arbeiter) beschäftigt war. Nur war hier