Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 158 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101205-3109001--6849-3109047- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
A r j eh Tartakower : mochten derartige Beschlüsse nur wenige Gewerkschaften dazu zu bewegen^ sich bei den Behörden registrieren zu lassen. Einerseits befürchten die Gewerkschaften, daß die Behörden die auf diese Weise erlangten Verzeichnisse der klassenbewußten Arbeiter dazu benützen würden, um gerade diese Arbeiter mehr zu verfolgen (deswegen sank auch oft nach der Legalisierung die Zahl der Mitglieder der Gewerkschaft), anderseits wollten sie eben den innigen Kontakt mit den politischen Parteien nicht aufgeben, dem sie nur allzuoft ihr ganzes Ansehen zu verdanken hatten. Schließlich tat auch die kurz darauf einsetzende Periode wirtschaftlicher Depression und politischer Reaktion mit den immer häufiger werdenden Verfolgungen der Gewerkschaften das ihrige, um den Gedanken der legalen Existenz noch unpopulärer zu machen. Je schwächer die Vereine wurden, je schneller die Anzahl der Abtrünnigen wuchs, je seltener Siege errungen und je häufiger Niederlagen erlitten wurden, desto stärker machte sich die Tendenz geltend, zum alten ganz unlegalen Leben zurückzukehren, zum Teil wohl auch deswegen, um den rapiden Niedergang des Gewerkschaftswesens dem Auge der Öffentlichkeit zu entziehen. Tatsächlich brachte die Reaktionsperiode ebenso wie eine bedeutende Ab schwäch ung der jüdischen sozialistischen Parteien, so auch den fast totalen Zusammenbruch des jüdischen Gewerkschaftswesens mit sich. Zugleich mit dem Umsichgreifen der wirtschaftlichen Krise tauchte in der jüdischen Gasse eine Erscheinung auf, an die man in den vorhergehenden Jahren wohl kaum je gedacht hat: Unternehmerverbände, die dreist den Kampf mit den Arbeiterorganisationen, aufnahmen. Immer häufiger trat nunmehr an Stelle des Streiks die Aussperrung (bereits im Jahre 1909 in Grodno, Wilna, Minsk, Bobruisk, Smorgon und anderen Städten), immer erbitterter wurde der Kampf, der in vielen Fällen monatelang dauerte (z. B. der Streik der Silberarbeiter in Wassilkow 4 Monate, der Gerberarbeiter in Miedzyrzec 5 Monate, der Schneiderarbeiter in Miedzyborz 4 Monate usw.) und immer häufiger wurden die Niederlagen der Arbeiter. Nur in wenigen Fällen gelang es, den Angriff der Unternehmer siegreich abzuwehren. So endete die große, neun Monate dauernde Aussperrung der Gerberarbeiter in Miedzyrzec im Jahre 1909, wo es sich um die Abschaffung des Achtstundentages handelte, mit einer Niederlage der Unternehmer. Viel häufiger indes waren die Arbeiter gezwungen, nachzugeben und sich dem Diktat der Arbeitgeber zu fügen, umsomehr als das finstere Gespenst der Arbeitslosigkeit immer weiter ins Land zog und immer größere Strecken in Stätten von Not und Elend verwandelte. So ging denn im Lauf dieser fünf traurigsten Jahre der jüdischen Arbeiterbewegung in Rußland fast alles verloren, was vorher gewonnen worden war. Als die wirtschaftliche Krise im Jahre 1912 aufhörte, da mußte wieder ganz von neuem begonnen werden. Wieder fingen die großen Streiks der jüdischen Arbeiter in Warschau, Bialystok und Wilna an, und zugleich setzte auch der Kampf um das Eindringen in die Fabriken mit mechanischer Kraft ein. Doch ehe man nennenswerte Erfolge zu erzielen vermochte, begann das große Völkerringen in Europa. Der Ausbruch des Weltkriegs fand somit