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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 3 · p. 156

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 3
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1923-01-01
Page
156 (sequence 9)
Language
German
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156 Arjeh Tartakower: hörte die Gründung von neuen Gewerkvereinen, Vertretung der Gewerkschaftsbewegung nach außen, Fürsorge für Arbeitslose oder infolge von ökonomischen Kämpfen Leidende (z. B. durch Aussperrung betroffene), Regelung der kulturellen Arbeit, der Rechtshilfe usf. Doch waren infolge der Zersplitterung der Gewerkschaften, die es mit sich brachte, daß sich in manchen Orten mehrere Zentralbureaus bildeten, auch deren Machtmittel nur sehr beschränkt. Es muß nun noch einmal daran erinnert werden, daß hinter jeder Gewerkschaft eine Partei stand, die ihre Schritte leitete und ihr die Tätigkeit vorschrieb. Tatsächlich sahen die Parteien in den Gewerkschaften, mochten sie auch als unparteiische bezeichnet werden, einen integralen Teil ihres Organismus, der auch seine sämtliche Freuden und Leiden teilte. In den Parteiberichten wurde denn auch folgerichtig die gewerkschaftliche Tätigkeit mit angeführt, und sie nahm manchmal deren Hauptteil ein. Und auch die Öffentlichkeit sah in jeder Gewerkschaft mehr die hinter ihr stehende Partei als die Gewerkschaft selbst und schätzte ihre Kraft nach der Kraft dieser Partei. So waren denn die errungenen Siege oft mehr der Bedeutung der Partei als der Kraft der Gewerkschaft zuzuschreiben. Trotzdem machte sich bei den proletarischen zionistischen Parteien bereits einige Jahre nach der Gründung ihrer eigenen Gewerkschaften die Tendenz geltend, eine Vereinigung der jüdischen Gewerkschaftsbewegung anzustreben. Doch fanden diese Bestrebungen in erster Zeit beim „Bund" nur ein geringes Verständnis, wozu der zwischen de/1 jüdischen sozialistischen Parteien geführte Kampf das seinige beigetragen haben mag. Merkwürdigerweise war der „Bund", der die Schaffung von internationalen Gewerkschaften anstrebte, gegen eine Vereinigung der jüdischen Gewerkschaften. Das in der deutschen Arbeiterbewegung gebräuchliche Argument vom „Getrennt marschieren und vereint schlagen", das einerseits zur Rechtfertigung der Loslösung der Partei von der Gewerkschaftsbewegung, anderseits aber der Zersplitterung der Gewerkschaftsbewegung selbst immer angeführt wurde, ward auch gerne auf die jüdische Gewerkschaftsbewegung angewendet, wodurch dem Mißtrauen des „Bundes" bezüglich des sozialistischen Charakters der von den proletarischen zionistischen Parteien ins Leben gerufenen Gewerkschaften Ausdruck gegeben wurde. So war denn auch der „Bund" für die Vereinigung seiner Gewerkschaften mit denen der polnischen und der lettischen sozialdemokratischen Partei, die gleich ihm einen Bestandteil der russischen sozialistischen Partei bildeten, aber gegen die Vereinigung mit den Gewerkschaften der proletarischen Zionisten. Indessen war dieser Gesichtspunkt zweifellos verfehlt, da es zwischen den verschiedenen jüdischen Gewerkschaften, was ihr Klassenbewußtsein betrifft, nicht den geringsten Unterschied gab. So blieb der Gedanke der Vereinigung der jüdischen Gewerkschaften in Rußland erhalten und wurde endlich in den ersten Jahren nach Beendigung des Weltkrieges verwirklicht.

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