Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1923-01-01 · Heft 3 · p. 154

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 3
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1923-01-01
Page
154 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101201-3101205-3109001--6845-3109043
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

*54 Arjeh Tartakower: Abkehr von den früheren, fast 10 Jahre lang zäh verteidigten Anschauungen. Doch blieb all dies vorerst reine Theorie. In der Praxis gelang es nur in den all erseltensten Fällen, internationale Gewerkvereine in Rußland ins Leben zu rufen, wenngleich die Gründung derartiger Vereine sowohl vom „Bund", als auch der polnischen (P. P. S. bezw. P. S. D.) und russischen -sozialistischen Parteiversucht wurde. Tatsächlich rekrutierten sich die vom „Bund" begründeten Vereine fast nur aus jüdischen Arbeitern. Ja, ^es gelang nicht einmal, die gesamte jüdische Arbeiterschaft in denselben Gewerk vereinen zu organisieren. Die zur Zeit der russischen Revolution zur definitiven Ausbildung gelangten Parteien der S. S. und „Poale Zion" (in Südrußland auch die Sejmisten) gingen sofort dazu über, unter dem Schlagwort von unparteiischen Gewerkvereinen, besondere unter ihrem Einfluß stehende Gewerkvereine ins Leben zu rufen, was ihnen auch ohne besondere Schwierigkeiten gelang. So sah man denn das merkwürdige Schauspiel, daß sich in einer und derselben Stadt zwei, oft auch drei besondere jüdische Gewerkvereine ausbildeten, von denen ein jeder behauptete, unparteiisch zu sein, ein jeder im Prinzip für internationale Vereine war, tatsächlich aber von einer bestimmten Partei geleitet wurde und oft auch ihren Namen im Schilde trug. So nannten sich die Gewerkvereine, die von den S. S. oder von der Poale-Zion begründet wurden, geradezu: Unparteiischer Gewerkverein S. S., oder Poale-Zion. Das gegenseitige Verhältnis derartiger Gewerkvereine war fast immer denkbar schlecht. Sie suchten sich gegenseitig Mitglieder abzujagen und scheuten nicht davor zurück, sich offen zu bekämpfen und zu verleumden. Es kamen sogar Fälle vor, in denen der Streik durch eine Gewerkschaft erklärt wurde und sich Streikbrecher aus einer anderen fanden, die in der Hauptsache darauf spekulierten, dadurch den gegnerischen Gewerkverein zu Fall zu bringen. Daß es der jüdischen Arbeiterschaft unter solchen Umständen doch gelang, bis zum Einsetzen der großen Reaktion im Jahre 1907 immer wieder im ökonomischen Kampf Siege zu erringen, war wohl einzig und allein der beispiellosen Schwäche der jüdischen Unternehmerschaft zu verdanken. Man kann auch getrost annehmen, daß nur diese große Zersplitterung der jüdischen Gewerkschaftsbewegung es mit sich gebracht hat, daß nach dem Einsetzen der Reaktion in ganz kurzer Zeit fast alle Vorteile des fast fünfzehnjährigen Kampfes verloren gegangen sind. Tatsächlich war. die innere Kraft dieser Gewerkschaften recht gering, und auch ihre Tätigkeit war nicht geordnet. Manche Gewerkschaften zogen von allen Mitgliedern die gleichen Beiträge ein, ohne sich darum viel zu kümmern, wie hoch ihre Verdienste waren, und machten lediglich einen Unterschied zwischen Männern und Frauen (z.B. in Lodz 15 Kopeken wöchentlich für Männer und 10 für Frauen), andere wiederum stuften die Beiträge nach den Verdiensten ab, was indessen viele Mitglieder, die kein inneres Verhältnis zur Gewerkschaft hatten, zu falschen Angaben verleitete. .Desgleichen waren auch die von der Gewerkschaft im Streikfalle sowie

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.