Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 152 (sequence 5)
- Language
- German
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152 Arjeh Tartakower: Partei; ja, man kann die gesamte Tätigkeit des ,,Bundes" in den ersten Jahren (1897—1900) eher eine gewerkschaftliche als eine politische nennen, obwohl der ausgesprochen sozialistische Charakter der Bewegung feststand. So kam es auch, daß die beiden ihrer äußeren Form nach ausgesprochen gewerkschaftlichen Organisationen der Gerber- und Bürstenarbeiter sich tatsächlich als politische Organisationen fühlten und dies a.uch durch ihren Eintritt in den „Bund" dokumentierten. Aber auch in den ersten Jahren des Jahrhunderts, wo das politische Moment in der Bewegung immer stärker hervorzutreten begann, war noch von einer Scheidung zwischen Partei und Gewerkschaft keine Rede. Der ökonomische Kampf ging fernerhin unter der Führung des „Bundes" weiter, der bei. all seiner revolutionären Tätigkeit auch diese Seite der Bewegung keineswegs vernachlässigte. Die Zahl der ökonomischen Kämpfe in der jüdischen Gasse nahm in den ersten Jahren des Jahrhunderts eher zu als ab. Nach einer Berechnung von Borochow *) kamen in der russischen Tscherta in den 4 Jahren 1900 —1904 zumindest 1673 Streiks vor, mehr als in ga.nz Rußland, wo die Zahl der Streiks um diese Zeit nur 1000 war. Durchschnittlich streikten jährlich auf jede 1000 jüdische Arbeiter 858, zwei bis fünfmal mehr als in den anderen Ländern Europas. Ebenso groß wie die Zahl der jüdischen Streiks war auch die Zahl der Erfolge. Von den 1022 Streiks, deren Ausgang bekannt war, endeten 741, also 72,5% mit einem Sieg der Arbeiterschaft, 147 (14,4%) blieben unentschieden und nur in 134 Fällen (13,1%) erlitten die Arbeiter eine Niederlage. Auch diese Erfolge stehen einzig da in der sozialen Geschichte der Menschheit. Was die Ursachen und die Bedeutung dieser Erscheinung betrifft, muß freilich auf das eingangs dieses Kapitels Gesagte verwiesen werden. Nicht wenig trug übrigens zum günstigen Ausgang der Kämpfe auch der ruhmvolle Name bei, den der „Bund" in der jüdischen Gasse genoß, wo die tatsächliche Macht der Partei durch den Volksmund um ein vielfaches übertrieben dargestellt wurde. Daß sich trotz dieser äußerlich sehr bedeutsamen Erfolge des gewerkschaftlichen Kampfes doch innerhalb der Partei seit dem Jahre 1905 das Bestreben kundgab, besondere, von der politischen Partei getrennte Gewerkvereine zu gründen, hat wohl in der Hauptsache seinen Grund in der bedeutenden Ausbreitung sowohl der politischen wie auch der gewerkschaftlichen Tätigkeit seit diesem Jahre. Die einsetzende Revolutionsbewegung in Rußland, in der der „Bund" eine bedeutende Rolle spielen sollte, forderte einerseits die Zusammenfassung aller Kräfte der Partei für den politischen Kampf, anderseits eröffneten sich im Lauf der revolutionären Vorgänge für die gewerkschaftliche Bewegung Möglichkeiten freier und offener Arbeit, die der politischen Partei noch immer verschlossen waren. Indes wirkten noch andere Momente in derselben Richtung. Man begann, in den besonderen Gewerkvereinen der jüdischen Arbeiterschaft eine unnütze Kräftezersplitterung zu sehen. Die Notwendigkeit einer be- „Der jüdische Arbeiter", Wien 1920. Nr. 1.