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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 3 · p. 151

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 3
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1923-01-01
Page
151 (sequence 4)
Language
German
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Zur Geschichte 4es jüdischen Sozialismus 151 ^Versicherungswesens auf Gegenseitigkeit zurückzuführen ist) ganz unbekannt, und selbst die Arbeitslosenunterstützung bestand mehr in der Theorie als in der Wirklichkeit, da die Gewerkschaft nie dazu kam, entsprechende Fonds zu sammeln. Somit war die jüdische Gewerkschaft eine reine Kampforganisation und als solche kurzlebig und schwach. Der jüdische Arbeiter war (und ist in starkem Maße bis zum heutigen Tage) ein guter Streiker, aber ein schlechter Gewerkschaftler. Unter derartigen Umständen ist es leicht erklärlich, daß es einer fortwährenden Anspornung und Führung seitens der politischen Organisationen der Arbeiterschaft bedurfte, um die Gewerkschaften überhaupt ins Leben zu rufen und ihre Entwicklung zu fördern. Der jüdische Arbeiter fühlte sich mehr angezogen durch die politische Organisation, die seiner radikalen Einstellung entsprach. Die politische Organisation ihrerseits suchte aber die Entwicklung des Gewerkschaftswesens zu fördern, da sie in ihm das Mittel sah, die Massen der wenig klassenbewußten, sich erst proletarisierenden kleinbürgerlichen Schichten in den Bereich ihrer Wirksamkeit zu ziehen. Daraus ergibt sich das äußerst innige Verhältnis zwischen Partei und Gewerkschaft, wie wir es bei den anderen Völkern nur selten vorfinden. Einen reinen Typus der Gewerkschaft, wie etwa der englische, kannte die jüdische Arbeiterschaft nie. Lange Jahre dauerte es, bis sich bei ihr überhaupt der, Begriff einer unparteiischen (natürlich aber klassenbewußten) Gewerkschaft ausbildete, und bis tief ins zwanzigste Jahrhundert hinein (in Osteuropa und Palästina bis in die letzten Jahre) fehlte diesem Begriff jegliche Realisierung. Tatsächlich stand hinter jeder Gewerkschaft, mochte sie sich parteiisch oder unparteiisch nennen, eine bestimmte politische Partei, die ihr auch in den allermeisten Fällen ihre Tätigkeit und Entwicklung vorschrieb. Erst der amerikanischen jüdischen Arbeiterbewegung war es beschieden, einen halbwegs reinen Typus von unparteiischen Gewerkschaften zu schaffen, und auch dort gelangte dieser Prozeß erst im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts zum Abschluß. Der Prozeß dieser Wechselwirkung von Partei und Gewerkschaft war natürlich in verschiedenen Ländern verschieden. Am reinsten zeigte er sich in Rußland, wo man lange Jahre hindurch zwischen Partei und Gewerkschaft keinen Unterschied kannte. Spuren einer jüdischen Gewerkschaftsbewegung zeigten sich dort allerdings bereits in den 70er Jahren in der Bewegung der Handelsangestellten (russisch Prikaschtschik, ein Wort, das etwas umfassender ist wie der deutsche Begriff Handelsangestellter und auch „Verwalter" und „Aufseher" bedeutet), die (ebenso wie die noch besprechenden Anfänge der jüdischen Gewerkschaftsbewegung in Ga- Jizien) stark religiös gefärbt war und zu keinen nennenswerten Resultaten führte. Die eigentliche Gewerkschaftsbewegung wurde erst durch den »Bund" geschaffen. Wir haben schon gesehen, wie unlösbar gerade bei ihm, wenigstens in den ersten Jahren seiner Geschichte, Partei und Gewerkschaft miteinander verknüpft waren. Die „Kasse", die den Kampf mit dem Unternehmer führte, war lange Jahre hindurch zugleich auch die

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