Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 150 (sequence 3)
- Language
- German
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Arjeh Tartakower: Zeit hindurch gar nicht aufkommen, mochte die materielle Lage des Arbeiters noch so schlimm sein, und gelang es schließlich^ eine Gewerkschaft ins Leben zu rufen, so glich sie einer Eintagsfliege, die bloß von einem Streik bis zum anderen lebte, manchmal sogar eine beträchtliche Mitgliederzahl erreichte, um nach der Beendigung der Streikperiode oder nach einem mißlungenen Streik ebenso schnell, manchmal sogar noch schneller zu verschwinden als sie entstanden war. Aber es kam noch ein anderer Umstand dazu, der auf die Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung lähmend wirken mußte. Es war dies die absolute wirtschaftliche Schwäche des jüdischen Unternehmertums, das fast nur aus Handwerkern und Kleinindustriellen bestand. Bei keinem anderen Volk war es so leicht, im Wege des organisierten Klassenkampfs momentane Siege zu erreichen, wie bei den Juden. Nirgends war daher der Prozentsatz der Streiks überhaupt und insbesondere der gelungenen größer. Das nichtorganisierte, schwer und ohne_ jedes Verständnis für das wahre Wirtschaftsleben um seine Existenz kämpfende jüdische Unternehmertum knickte fast bei jedem Angriff der Arbeiterschaft zusammen. Aber die Siege waren tatsächlich nur momentan. Kam dann die Zeit der Krise und der Arbeitslosigkeit (und diese wiederholte sich jahraus, jahrein in der jüdischen Produktion, die in der Hauptsache Saisonproduktion war), so verloren die Arbeiter regelmäßig all das, was sie früher erreicht hatten. So kam es, daß, nachdem einmal in den schweren Kampfjahren 1897—1900 die größten Mißstände (insbesondere die viel zu lange Arbeitszeit) beseitigt worden waren, die dann darüber hinaus immer wieder erkämpften Verbesserungen immer wieder verloren gingen. Dieser ewige Kreislauf von Sieg und Verlust des Errungenen mußte schließlich der Arbeiterschaft auffallen und die ohnehin nicht allzustarke Neigung zur gewerkschaftlichen Organisierung noch mehr herabsetzen. Und schließlich tat auch die eigenartige Einstellung eines großen Teiles der jüdischen Arbeiterschaft zu ihrer Berufsarbeit das ihrige, um sie für die Idee einer dauerhaften Gewerkschaftsbewegung unempfänglich zu machen. Ein sehr großer Teil der jüdischen Arbeiterschaft sah in seiner Arbeit, hierin in krassem Gegensatz zur Arbeiterschaft der anderen Völker stehend, bloß, etwas Vorübergehendes, eine Übergangsepoche zu einem selbständigen Beruf. Auf einer derartigen psychischen Grundlage konnte kein Verständnis für die dauernden Aufgaben der Gewerkschaft erwachsen. Man konnte sehr gut revolutionär und sozialistisch gestimmt sein, entschloß sich viel rascher zu Streiks als die nichtjüdische Arbeiterschaft, focht sie standhaft und entschlossen aus, war aber nicht dazu zu bewegen, Lohnaktionen jahrelang vorzubereiten, um sie dann in größerem Maßstab unternehmen zu können, oder gar auch auf eine andere Weise, wie es etwa die englischen und amerikanischen Gewerkschaften taten, für die Verbesserung der Lage der Arbeiterschaft zu sorgen. Institutionen wie Kranken-, Unfall-, Witwen- und Waisenfürsorge waren in den jüdischen Gewerkschaften (wiederum mit der einzigen Ausnahme Amerikas, wo die Entstehung von Arbeiterversicherungsinstitutionen auf den direkten Einfluß des ungemein entwickelten